Es ist doch eines der schönsten Gefühle – wenn man über sich selbst hinauswächst. Wenn man sich Dinge traut, die man vor ein paar Tagen noch für unmöglich gehalten hat. Dieses kurze Dauergrinsen im Gesicht, die zittrigen Knie, vielleicht sogar schwitzige Hände und der Beweis, dass man es doch kann, wenn man will. Zu dem „Wollen“ und dann auch „Können“ gehört jedoch viel mehr, als man denkt. Ich bin diese Woche über mich selbst hinaus gewachsen. Für meine Verhältnisse bin ich ein Riese geworden. Vom David zum Goliath. Ich war eine Woche biken in der Schweiz, im wunderschönen Graubünden und war begeistert, was man beim Treten in einen Drahtesel fürs Leben lernt.

Christine Neder Biken

Die Bloggerbikechallenge in der Schweiz

Ich habe geflucht. Ich habe geschimpft. Ich habe mir innerlich geschworen, nie wieder eine Reise anzutreten, bei der von mir sportliche „Höchstleistungen“ verlangt werden. Ich bin ein Schisser – und dazu stehe ich. Zwar liebe ich die Natur und draußen zu sein, doch mehr als 10 km/h auf einem Gefährt machen mir Angst, genauso wie steile Abgründe und Schotterwege. Das alles sollte nun in einer Woche passieren.

Mit einem Mountain-Bike ausgestattet sollte ich die Singletrails in Davos Klosters runter, anschließend den Bike Park in der Lenzerheide absolvieren und dann noch den höchstgelegensten Pumptrack in Arosa. Ich hatte keine Ahnung, was diese Begriffe bedeuten. Sie hörten sich aber für mich nach etwas an, vor dem man durchaus Angst haben kann. Wirklich geplatzt ist mir der „Angstkragen“, als folgende Mail kam: Bitte hol dein Mietmaterial für den Bikepark (Protektoren sowie einen Integral-Helm) noch ab. „Ich fahre nichts, wofür ich einen Integral-Helm brauche!!!“, schrieb ich zurück. Darauf kam nie eine Antwort, weil vielleicht doch alle an mich geglaubt haben, nur ich nicht.

Rumptrack Arosa

Mentale Unterstützung auf 2.100 Höhenmeter

„Angst entsteht durch negative Erfahrung oder Bilder, die man gesehen hat“ erklärt mir Remo. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es Schicksal ist, ihm begegnet zu sein. Wir sitzen auf der wunderschönen Ochsenalp in Arosa. Es ist der sechste Tag unserer Bike Challenge und rückblickend kann ich nicht fassen, was ich mich schon alles getraut habe. Ich habe die Technik langsam drauf, weiß, dass ich an meiner völligen Verspannung in den Schultern arbeiten muss und die Beine auf dem Rad nicht zusammenkneifen darf, so als müsste ich aufs Klo.

Theoretisch kann ich es. Ich weiß es und ich habe es schon umgesetzt. Definitiv die größte Herausforderung bis jetzt war der Bike Park in Lenzerheide, in dem ich die Flowline mit X,Y und Z runtergefahren bin. Doch immer wieder komme ich fast stündlich an meine Grenzen. Die Momente wo ich völlig blockiere, aufgebe, absteige und schiebe.

Unser heutige Bike-Guide in Arosa ist Remo. Wenn er im Sommer nicht die Biker durch die atemberaubende Landschaft über Wege und Trails führt, die noch auf keiner Karte stehen, trainiert er ab August die Snowboard Nationalmannschaft auf dem Gletscher. Die Jungs, die zwischen 14 und 19 Jahre alt sind, trainieren auf Peking 2022 hin – die Winterolympiade. Was sie da können müssen? Sich in einem Sprung dreimal um die waagrechte und senkrechte Achse drehen. In einem Sprung!

Vielleicht geht es euch ähnlich und ihr denkt auch: Scheiße, wenn da was passiert … Ich kann euch schon mal verraten – ganz falsche Gedanken. Ganz falsch! Angst darf nie eine Rolle spielen.

Remo trainiert die Nachwuchsmannschaft nicht nur physisch, sondern auch mental. Wie denkt man genau DAS nicht? Wie schafft man so eine irre Leistung durch mentale Kontrolle? Auf der Alp mit schönster Bergsicht erzählt er mir von seinen Erfahrungen …

Remo

Wie entsteht eigentlich Angst?

Ich habe es oben schon kurz angesprochen. Angst entsteht durch negative Erfahrungen, Bilder, oder Gedanken, die man sich macht und die unterbewusst im riesigen Datenpaket in unserem Gehirn gespeichert werden. Immer, wenn man an eine schwierige Stelle kommt, wird automatisch dieses Bild aus dem Unterbewusstsein rausgekramt und uns vor das innere Auge geführt. Sofort entsteht Angst, Respekt und wir blockieren. Um Angst zu bewältigen, müssen wir lernen, das Unbewusste auszublenden, was gar nicht so einfach ist. Nehmen wir doch gleich mal mein Beispiel zu Hand: Immer wieder stehe ich auf einem Bikeweg, der meiner Meinung nach zu steil für mich ist. Ich bekomme Angst, Respekt und blockiere. Was nun?

Wie gehe ich an die Angst ran?

Damit die Angst nicht entsteht, muss ich lernen, mich gut einzuschätzen. Was brauche ich, um die Situation zu meistern und was kann ich? Relativ einfach. In meinem Fall eigentlich ganz klar: Ich habe die Technik drauf, um diesen Berg runter zu fahren, ich schaffe es nur mental nicht.

Was beim Umgang mit der Angst hilft – das Visualisieren. Wenn ich mir Sachen vorstelle und Abläufe durchgehe, rücken sie in mein Bewusstsein. Ich schaue mir den Weg an. Ich überlege, wo ich lang fahre, ich gehe durch, an welchen Stellen ich das Bike lieber laufen lasse und wo ich bremsen kann. Schritt für Schritt visualisiere ich die Abläufe. All die Dinge kann ich planen und in mein Bewusstsein rücken.

Wenn Remo die Nachwuchsmannschaft trainiert, ist ein fester Bestandteil ihres Trainings 30 Minuten am Tag zu visualisieren, welchen Sprung man am nächsten Tag macht. Bis ins kleinste Detail wird sich jeder Ablauf, jede Gewichtsverlagerung und Bewegung vorgestellt.

Bergsee Arosa

Wie komme ich aus der Angst raus?

Alles so einfach gesagt. Und eigentlich ist es auch einfach. Doch trotzdem werden wir es wahrscheinlich nicht immer schaffen, die unterbewusste Angst wegzudrücken. Was also tun, wenn ich mittendrin feststecke. Wenn ich am Hang stehe und denke, ich komme nicht weiter?

Durchatmen. Tief durchatmen. Die Augen kurz schließen und sich von außen betrachten.Von außen und objektiv betrachten. In welcher Situation bin ich? Was muss ich können, um da rauszukommen. Sehr oft werdet ihr merken, dass es mit der nötigen Ruhe und Objektivität doch geht.

Und wenn es schief geht?

Verabschiedet euch gleich mal von dem Gedanken, dass jetzt plötzlich alles funktioniert und ihr keine Fehler mehr macht. Fehler sind wichtig. Ohne Fehler können wir nichts lernen. Und so solltet ihr das auch sehen, wenn es euch eben bei einer Abfahrt mal voll auf die Fresse haut. Wenn wir 100 Mal den Berg runterfahren und es einmal nicht klappt, denken wir sofort, wir können es nicht. Schwachsinn. Klar können wir es.

In der Situation ist es hilfreich, sich wieder von außen zu betrachten. Was ist falsch gelaufen? Wo habe ich einen kleinen Fehler gemacht? Die Ursache suchen. Waren es Bedienungen von außen, wie beispielsweise ein nicht sichtbares Loch, an dem ich hängen geblieben bin, oder eine Situation, in der ich technisch nicht sauber gearbeitet habe? Hier ist es wichtig, die Ursache zu bekämpfen und nicht die Symptome. Jetzt heißt es dranbleiben, es wieder versuchen und sich darauf konzentrieren, den vorherigen Fehler nicht noch mal zu machen.

Manche Menschen, vor allem Frauen, die eher vernünftig handeln, müssen auch erst wieder einen Schritt zurückgehen. Auch gut! Oder – was für mich super wichtig ist – Hilfe holen. Das ist beim Surfen genauso wie beim Biken. Wenn jemand dabei ist, der mit mir spricht, bin ich viel ruhiger und besser und Remo ist so geschult, dass er schon nach einer Stunde genau weiß, was ich brauche. Ich brauche Kontrolle. Wenn er vor mir fährt, würde er mir diese nehmen. Deswegen biket er schräg hinter mir, gibt Tipps, redet mit mir, damit ich gedanklich nicht in mein Unterbewusstsein rutsche und was soll ich sagen – es klappt.

Ich sehe meinen Kontrollwahn oft als negativ. Keine Kontrolle bedeutet für mich Unsicherheit und Angst. Doch was passiert eigentlich, wenn ich meinen Kontrollwahn dafür einsetze, die Kontrolle über meine Angst zu bekommen? Darüber habe ich vorher noch nie nachgedacht.

Arosa in der Schweiz

Was man vom Biken fürs Leben lernen kann

Ich kann euch versprechen, ich rede da nicht nur irgendwas daher. Ich habe das auch alles ausprobiert. Es war am letzten Tag unserer Blogger Bike Challenge. Nach unserer Pause auf der Ochsenalp und dem tollen Gespräch mit Remo über mentales Training, ging es noch mal weiter.

Als letzter Punkt stand der Pumptrack in Arosa auf dem Programm. Ich war schon am ersten Tag im Adventure Park in Davos und wusste, was auf mich zukommt und ich war sicher, dass ich es kann.
Ich startete, pumpte erst geradeaus, fuhr in die Kurve und flog direkt auf die Fresse. Respekt – Angst – Blockade.

Binnen 10 Sekunden wollte ich aufgeben und dachte, ich kann es nicht. Aber in Davos habe ich es doch auch geschafft. Ich überlegte mir also, was ist an diesem Track anders? Wo habe ich den Fehler gemacht? Am Ende der Kurve muss ich den Lenker nach links drehen, weil die Kurve viel enger ist als im letzten Park. Ich konnte die Technik. Ich wusste, wie es geht. Ich probierte es noch einmal und noch einmal und immer wieder legte es mich hin. Zum Schluss auch, weil ich keine Kraft mehr hatte. Ich wollte es so verbissen schaffen.

Nach einer Pause versuchte ich den Track vorher zu visualisieren. Ich nahm mein Bike und schob es durch die Kurve, versuchte zu spüren, wo ich den Lenker eindrehen muss, um die Kurve zu bekommen. Das machte ich einmal, das machte ich zweimal und beim Fahren klappte es wieder nicht. Ich konnte mittlerweile ganz gut definieren, was meine Angst war – dass ich hinfalle und mir weh tue. Jetzt war ich aber mittlerweile so oft hingefallen, ohne mir schwer weh zu tun, dass die Angst immer weniger wurde und ich es dann, nach dem 20. Mal endlich schaffte. Ich bekam die Kurve. Und da war es dieses kurze Dauergrinsen im Gesicht, die zittrigen Knie, vielleicht sogar schwitzige Hände und der Beweis, dass man es doch kann, wenn man will.

Ich habe noch lange über diesen Tag nachgedacht, über das Ereignis und die Begegnung mit Remo und ich stellte fest, dass alles, was er mir über die Angstüberwindung beim Snowboarden oder Biken erzählt hat, auch 1:1 aufs Leben passt. Es gibt diese Momente, in denen wir Angst haben, etwas nicht zu schaffen und deswegen völlig blockieren. Was mir so unglaublich hilft – die Visualisierung. Mir aufzuschreiben, wie ich es schaffe und es mir immer und immer wieder vorzustellen.

Meine größte Herausforderung im Leben ist gerade meine Weiterbildung zum Life Coach. Da kommen schon manchmal die Selbstzweifel, ob man dieser großen Verantwortung gerecht werden kann. Ich stelle mir dann immer vor, wie ich sein möchte, was ich damit erreichen möchte und wie ich es schaffe.

Denn auch das ist wie beim Biken oder Snowboardfahren ein Step-by-Step-Prozess. Keiner fährt die Rampe runter und macht drei waagrechte und drei senkrechte Drehungen beim ersten Sprung. Aber es ist gut, sich von vornherein vorzustellen, dass man das einmal machen möchte. Denn nur wer groß denkt, kann auch Großes erreichen.

 

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