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Lilies Diary | 01. Mai 2017

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4 Kommentare

Indien – eine Reise zu mir selbst

Christine

Wo bin ich? Also eigentlich weiß ich das ja. Ich stehe am Busbahnhof in Mapursa, um von dort mit dem Nachtbus nach Hampi zu fahren. Jeder von euch wird jetzt sicher ein ganz bestimmtes Bild vor Augen haben, wenn ich sage ich stehe am „Busbahnhof“. Vielleicht kommt ein gepflasterter Platz vor euer inneres Auge, mit verschiedenen Terminals und Schildern oder LED-Anzeigen von Abfahrtorten und Ankunftszeiten. Doch wie stellt ihr euch das Ganze vor wenn ich sage: Ich stehe an einem Busbahnhof in Indien? Auf einem sandigen Platz stehen etliche Busse mehr oder weniger in Reih und Glied und mehr oder weniger seit 10 bis 20 Jahren ohne TÜV.

Busbahnhop-Mapusa

Immer wieder fahren neue Busse auf den Platz, hinterlassen eine Staubwolke und bleiben einfach irgendwo stehen. Es gibt hier kein System, es gibt hier keine Schilder. Dafür hunderte von Menschen mit Koffern und Kindern, mit Backpacks oder einfach nur Mülltüten, in denen sie ihr Hab und Gut transportieren. An der Straßenseite stehen verschiedene mobile Küchen, aus denen Kichererbsenbrei serviert wird, Popcorn, Chips, gedämpfter Mais oder die üblichen frittierten indischen Köstlichkeiten. Ich komme mir vor, wie auf einem Bazar durch die vielen unterschiedlichen Stände. Und auch am Busbahnhof ist man vor den Straßenverkäufern nicht sicher.

Ich stehe am Rande des Platzes, der durch ein paar Geröllhaufen gesäumt ist, hinter denen in regelmäßigen Abständen die Leute Ihre Bedürfnisse verrichten. Ich stehe hier und warte auf den Bus nach Hampi, der irgendwann kommt und irgendwo hält. Der erste Verkäufer möchte mir eine bestickte Tasche andrehen, der zweite eine Holzflöte, der dritte ein neonleuchtendes Stofftier. Wenigstens diesmal niemand, der mir seine Klapperschlange im Korb zeigen will. „No thank you. No thank you. No thank you.“ Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich das in den letzten fünf Tagen schon gesagt habe. Die Verkäufer sind hartnäckig. Wenn sie mir gar nicht mehr von der Seite weichen, sage ich noch „No money, no money“. Das funktioniert meistens und sie lassen locker. Neben mir vor den Steinen türmt sich ein Müllhaufen. Ganz viel Plastik, ein bisschen Karton und Obstschalen. Eine Inderin kommt auf den Müllhaufen zugelaufen und schmeißt ihren angeknabberten Maiskolben oben drauf.

Es stinkt, es ist laut, es ist dreckig, es ist Indien. Ich habe vorhin meine leere Klopapierrolle im Rucksack gefunden und eine Millisekunde überlegt: Soll ich sie dazu werfen? Ich kann es nicht. Das ist nicht meine Erziehung und entspricht auch nicht meinen Verhalten und ich tue nie irgendwas, weil es alle tun. Eine Kuh kommt vorbei, schnappt sich das Blatt am Maiskolber vom Müllhaufen, zerkaut es und geht weiter an parkenden Rollern vorbei und zwischen zwei Bussen hindurch. Als sie dahinter verschwindet, hört man einen kurzen Schrei. Wahrscheinlich ist ein Wildscheisser erschrocken.

Ich steh einfach nur da und staune. Ich reise viel und eigentlich kann ich immer ganz gut abschätzen, wie es mir vor Ort meistens geht. Ich find alles toll und schön und spannend und ich schreibe Paul zehn Mal, dass wir unbedingt mal hier her müssen und fühle mich sofort wie zu Hause. Außerdem schmiede ich Pläne, was ich alles ändern und tun werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Diesmal ist alles anders. Es ist besonders und auf jeden Fall spannend. Ich kann mir zwar gut vorstellen, wieder nach Indien zu reisen, aber ich fühle mich nicht zu Hause. Es ist zwar nur ein Land wie jedes andere, aber einfach unbeschreiblich. Ich fühle mich nicht, als wäre ich hier angekommen. Ich kann gar nicht glauben, dass ich in Indien bin. Alles ist so anders, jeder Ort und jede Situation und aus so vielen Dingen werde ich nicht schlau. Doch alles nimmt meine ganze Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass ich auch keine Zeit habe, an zu Hause zu denken oder mir Vorsätze zu machen. Ich bin also nicht hier und auch nicht zu Hause. Wo bin ich denn dann?

Ich bin an dem Ort, an dem ich schon so lange sein wollte – bei mir selbst. In Indien habe ich geschafft, was ich seit Jahren versuche, was ich mir immer und immer wieder vornehme – im Moment Leben. Da sein, wenn das JETZT passiert und nicht in der Vergangenheit festzustecken oder nach der Zukunft zu streben. Und ich kann euch beruhigen, ich war dafür nicht im Ashram, habe kein Yoga Retreat besucht oder eine Tiefenmeditation durchgeführt. Ich habe einfach nur am Alltag in Indien teilgenommen.

 

Kommentare

  1. Ich habe Indien ganz anders erlebt und werde AUF JEDEN FALL irgendwann wieder zurückkommen. Wer eine Pause aus all dem Trubel braucht, dem kann ich Bangalore und Mysore wärmstens empfehlen. Aber du hast es schon wunderschön ausgedrückt: Oft ist eine Reise irgendwohin ja wirklich eine Reise zu sich selbst und die ist bei jedem anders.

  2. Hallo,
    also ich war auch schon in vielen Ländern unterwegs. Vor allem in Asien. Ich muss sagen, dass mir so viele Länder gefallen haben, aber mit Indien konnte ich mich nicht anfreunden. Mir liegt einfach überall zu viel Müll herum (ich kann mir aus deiner Schilderung sehr gut ein Bild machen). Ich fühlte mich dort einfach nicht wohl. Es war auch das erste Mal, wo ich mich bei einer Reise auf den Rückflug gefreut habe.
    Lg
    Thomas

    • Christine

      Ich mag die Realität und ich mag es, wenn es auch mal nicht schön ist. Ich werde sogar wieder nach Indien wollen :)
      Dann in den Norden

  3. Wow sehr interessanter Beitrag und vor allem sehr schön geschrieben :)
    Liebe Grüße, Dorie

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