Wie sagt man so schön – das Leben selbst erzählt oft die schönsten Geschichten? Solch eine Geschichte möchte ich heute erzählen. Ich weiß nicht ob sie schön ist. Sie ist realistisch und eigentlich sehr traurig, aber ihr könnt bei dieser Geschichte mitmachen und ihr ein persönliches Happy End geben. Ich bin vom Arzt nach Hause gelaufen und sah eine alte Dame auf dem Gehweg stehen. Sie trug kurzes, silbernes Haar, einen langen Rock, dazu einen lila Pullover und eine Daunenweste darüber. Angestrengt und mit einem entsetzten Blick im Gesicht, schaute sie auf das gegenüberliegende Haus, das gerade saniert wurde.

alte Dame

Meine Oma

„Sagen sie einmal, haben die das Haus wirklich schwarz angemalt?“, fragt mich die alte Dame, als ich sie auf ihrer Höhe passiere. Ich schaue kurz hinüber und weiß, was sie meint.
„Nein, machen sie sich keine Sorgen, das sind nur schwarze Isolierplatten. Das Haus wird noch verputzt und dann schön angestrichen.“
Intuitiv bleibe ich einfach ein bisschen stehen. Schaue mit ihr das „schwarze“ Haus an und komme mit der älteren Dame ins Gespräch. 92 Jahre ist sie jetzt schon alt und wohnt alleine. Einen kleinen Kater hat sie sich angeschafft, damit sie nicht so alleine ist. Da war ihr Sohn aber gar nicht erfreut darüber.
„Was willst du denn mit dem?“, hat er sie gefragt, als sie es ihm am Telefon erzählt hat. Zu Besuch war er schon lange nicht mehr da. Je länger ich da stehe, desto mehr erzählt mir die Dame. Wie ein Wasserfall sprudelt es aus ihr heraus. Sie redet über ihre Einsamkeit, den Sohn, der so weit weg wohnt und sich nicht für sie interessiert und die Enkel, die nur kommen, wenn sie Geld wollen. Je mehr sie erzählt, desto wütender werde ich auf ihren Sohn, der sie einfach links liegen lässt und seine missratenen Kinder, die keinen Anstand haben. Ja, vielleicht ist sie anstrengend. Ja, vielleicht vergisst sie viel und ja, vielleicht erzählt sie ihm auch jeden Tag das Gleiche, aber ich finde es einfach unglaublich traurig, wie man seine in die Jahre gekommenen Eltern so abschieben und vergessen kann. Die alte Dame hat mich an eine Zeit erinnert, die ich schon so gut wie verdrängt habe – als meine Oma im Heim war und wir sie jeden Sonntag besucht haben und so viele andere Damen und Herren im Altersheim jeden Sonntag stundenlang auf der Bank vor dem Haus saßen und gewartet haben, dass sie jemand besucht. Das jemand zu ihnen kommt, sich mit auf die Bank setzt und einfach zuhört. Doch bei vielen kam nie einer. Nie, in den ganzen acht Jahren. Ich konnte nicht viel zu der alten Dame sagen, ich war ziemlich doll damit beschäftigt die ganze Zeit zu blinzeln, denn das machte mich alles so wütend und traurig zugleich, dass meine Augen ganz feucht wurden, aber ich brauchte auch gar nichts sagen. Einfach nur dastehen und ihr zuhören, das reichte ihr schon. Nach einer Weile, die wir in die selbe Richtung nebeneinander hergelaufen sind, bedankte sie sich. „Das tat jetzt richtig gut mir das mal vor der Seele zu reden. Jetzt ist mir viel leichter ums Herz.“ Sie lächelt. Zum ersten Mal sehe ich sie lächeln. Ich habe ihren Arschloch-Sohn noch kurz in Schutz genommen und gemeint, dass er vielleicht gerade nur eine schlechte Phase, viel Stress hat und sicher bald wieder netter ist, doch sie winkt ab.

Sie bedankt sich noch einmal, kommt ganz dicht heran und flüstert schon fast: „Du, wenn du einmal eine schlechte Phase hast, dann sei nicht traurig. Doch sei traurig, aber nur einen Tag. Das wird nämlich alles wieder gut, auch wenn man es manchmal nicht glaubt.“ Doch, ich glaube ihr. Zum Schluss habe ich mir noch ihre Telefonnummer geben lassen. Vielleicht sehen wir uns wieder?

Nun habe ich ein große Bitte an euch. Einen Herzenswunsch. Ich habe leider keine Oma und keinen Opa mehr, aber ihr sicherlich. Ruft sie an. Greift zum Handy und ruft sie heute an. Am besten jetzt sofort, nachdem ihr das gelesen habt. Erzählt ein bisschen von eurem Woche, fragt sie, wie es ihnen geht und ich glaube, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr sie sich freuen werden. Glaubt mir!  Vielen Dank!

12 Kommentare

  1. Was für ein schöner Eintrag. Da musste ich gleich an meine Großeltern denken und unsere mindestens wöchendliche Besuche bei ihnen, aber Oma hat auch immer das beste Essen gekocht. Kein Wunder das wir so gern da waren.
    Leider sind meine Großeltern schon vor einiger Zeit verstorben, aber ich denke immer gern an sie zurück.
    Schade das man seine Eltern und Großeltern alleine lässt. Da kommen einem beim lesen schon die Tränen.

  2. Genauso, wie manche Eltern einfach keine Kinder bekommen sollten, gönne ich manchen Kindern ihre Großeltern nicht. Ich werde immer noch wütend, wenn Bekannte, deren Großeltern im gleichen Ort oder zumindest im gleichen Land leben, sie so selten besuchen. Und ich hätte meine Großmutter so gerne öfter gesehen, war aber immer an Urlaubszeiten, Flugpreise und Flüge gebunden.
    Und dann nach der Beerdigung auch noch die Beschwerde meiner angeheirateten Tante, dass ihre Kinder von meiner Großmutter explizit aus dem Testament gestrichen wurden. Nicht, dass es da viel zu holen gab, aber das war wohl die späte Rache meiner Großmutter dafür, dass sie die Enkel, die in einem anderen Land lebten, öfter sah als diejenigen, die nur eine Stunde mit dem Zug entfernt wohnten …

    Ruf die Oma an. Nicht, dass sie jemals deine oder du ihre Enkel ersetzen könnte(st), aber vielleicht wird es ein bisschen Trost.

    1. Ich überlege mir, mir einfach eine neue Oma im Heim zu suchen, die ich besuchen kann. Mir fehlt das auch. Solche Momente, die machen mich glücklich, die geben mir das Gefühl etwas sinnvolles getan zu haben!

  3. Ja das ist alle so wahr.. ich arbeite in einem Pflegeheim und es gibt nur ganz wenige Bewohner die regelmässig Besuch haben und die anderen zehren nur von unserer Aufmerksamkeit… doch habe ich kaum Zeit sie ihnen zu schenken da wir so viele Bewohner haben. Also bite haltet euch wirklich daran und nehmt es euch zu Herzen, Besucht eure Familien im Heim, es ist so wertvoll.
    Nichts ist wertvoller als jemandem seine Zeit zu schenken!

  4. Ich schließe mich der Svenja an.
    Sitze hier und tropfe.
    Ich selber habe keine Großeltern mehr.
    Leider.
    Aber in meiner Nachbarschaft da sind ein paar ältere Damen, zum Beispiel meine Nachbarin gegenüber.
    Die sind nicht alleine und trotzdem freuen sie sich über jeden Schwatz und jedes nette Wort.
    Und hier im Hochhaus sind wir eh eine sehr nette Truppe.
    Da bleibt eigentlich keiner allein.
    Auch das ist Neuperlach.

    Danke für deinen Aufruf!
    Ich hoffe da draussen machen dank dir, jetzt ein paar Menschen ihre Omis und Opis richtig glücklich.

  5. Oh, ist das schön:
    „Du, wenn du einmal eine schlechte Phase hast, dann sei nicht traurig. Doch sei traurig, aber nur einen Tag. Das wird nämlich alles wieder gut, auch wenn man es manchmal nicht glaubt.“

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