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Lilies Diary | 08. Februar 2018

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Südstaaten Roadtrip – mit dem Jeep durch Texas & New Mexico

Gastautoren

„On the road again,
Goin’ places that I’ve never been
Seein’ things that I may never see againt
And I can’t wait to get on the road again“

 Johnny Cash, Willie Nelson

Der amerikanische Roadtrip ist wohl das Thema einer ganzen Generation an Reiselustigen. Theoretisch der Roadtrip im Allgemeinen, aber der Roadtrip durch den Westen der USA reizt viele Leute ganz besonders. Auf einen Roadtrip hatte ich auch Lust. Freiheit, unendliche Weite, Unabhängigkeit, Neues, verloren sein. Ich war also schnell für die Idee zu haben. Ich kenne niemanden, der einen Roadtrip durch New Mexico und Texas gemacht hat, Kalifornien, Nevada, sicherlich. New Mexico? Gehört das zu Mexiko? Nein. USA. Was? Achja. Krass. Und Texas? Zu den Trump Wählern? Na dann, viel Spaß.

Südstaaten Roadtrip Texas

Ja, genau dorthin. Trump-Wähler, Weiße Überhebliche und arme Menschen, die in Trailern oder Mobile Homes wohnen. Manchen Siedlungen sehen schlimmer aus als Slums.

Aber auch unendliche Weite. Wer denkt nochmal, die Erde sei eine Scheibe? Weit gefehlt. Wir fahren immer weiter und denken laufend “Gleich dahinten, da ist es vorbei.” Aber es geht immer weiter. Manchmal werden wir irritiert angeschaut. Manchmal neugierig. Manchmal lüsternd, verächtlich oder liebevoll. Wir haben keine Probleme. Zwei weiße Mädchen in Shorts, mit wirren Haaren und dreckigem Jeep.

roadtrip amerika southwest coast

Wir haben Glück. Seit unserer Geburt haben wir Glück gehabt: richtig arm sind wir nicht, wir können uns einen Roadtrip im Mietwagen durch die Staaten leisten. So schlimm kann es gar nicht sein.

Unser Weg ist gepflastert mit Dingen, die ich vom Südwesten der USA nicht erwartet hatte. Weiße Sandwüsten, wechselnde Landschaften, Städte, die aus fünf Häusern bestehen, in denen alle Kuchen verkaufen oder kanadisch-anmutende Berge mit grünen Hängen – einfach alles ist vertreten.

Südstaaten Roadtrip: Überraschende Kunsthochburg – Taos

Wir beginnen unsere Fahrt im beschaulichen Taos, nördlich von Albuquerque, der Hauptstadt New Mexicos. Der Einfluss der nordamerikanischen Ureinwohner ist überall deutlich zu sehen. In Taos haben sich zahlreiche Kunstgalerien angesiedelt, die neben üblicher touristischer Folklore wirklich schöne und interessante Werke zeigen. Besonders gefesselt haben uns die Fotogalerien, die hauptsächlich New Mexikos Naturschönheit dokumentieren, erwartet hatten wir das in dem kleinen Ort definitiv nicht.

Südstaaten Roadtrip: Motels – die echte Roadtrip-Erfahrung

Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, in klassischen Motels abzusteigen. Sie sind definitiv die günstigste Übernachtungsoption. Nicht die hübscheste oder durchgestylteste, aber sie erfüllen ihren Zweck. Außerdem sind die Nächte in diesen Hotels auf ihre Art und Weise wichtig für die gesamte Roadtrip-Erfahrung. Und so steuern wir Abend für Abend günstige Motels an, trinken noch ein paar Bier mit Truckern und Geschäftsreisenden und machen uns morgens Frühstückswaffeln beim Self-Service Breakfast. Klappt alles prima, ist verhältnismäßig billig und wir sind zufrieden.

texas usa amerika

Auf unserem Weg Richtung Süden kommen wir an ein paar unverhofften Entdeckungen vorbei. Durch einen falschen Abzweig („Doch, ich bin sicher hier müssen wir links!“) landen wir auf einem Berg inmitten der Steinwüste mit einer atemberaubenden Aussicht. Fotos, die man niemals nachstellen könnte und ein Durch-die-Felsen-klettern-können-Gefühl wie damals mit sechs Jahren auf dem Spielplatz gibt es im Nationalpark Malpais reichlich.

ausblick malpais

Was für ein Blick!

jeep_malpais

Südstaaten Roadtrip: Von Kuchen, Wahrheit und Konsequenzen – kleine Städte New Mexicos

Weiter geht’s, immerhin haben wir ein Ziel vor Augen: Truth or Consequences, einen Ort, der nach einer Radio-Show der 1950er Jahre benannt wurde. Besonders bekannt ist der für seine heißen Quellen, die dort so häufig vorkommen, dass beinahe jedes Hotel seine eigenen Privatquellen besitzt. Das muss natürlich getestet werden. Den Quellen werden nämlich allerlei heilende Kräfte zugesprochen, wie uns immer wieder durch ältere Herren unterwegs erklärt und durch Verrenkungen auch demonstriert wird.

Als wir den besten Weg auf der Karte ausfindig machen, bemerken wir, dass ein Abstecher nach Pie Town gar nicht so ein großer Umweg ist (so denken wir zumindest). American Pie als Stärkung? Aber sicher. Wir geben Gas.

Es stellt sich raus, dass Pie Town mit seiner Namensgebung etwas übertreibt und an sich nur eine Ansammlung von 5 – 7 Häusern ist, die alle Pies verkaufen. Wir suchen uns das sympathischste aus und werden herzlich begrüßt, überschwänglich beraten und bestens mit Pie, Vanilleeis und Kaffee versorgt. Es schmeckt vorzüglich, aber beim Blick schweifen lassen bemerken wir Revolver in Halftern, Schilder mit Hinweisen, wann Pistolen gezogen werden sollten, und derbe Witze. Ungewohnt für uns europäischen Großstadtnixen. Ob die wohl Trump gewählt haben? Die sind ja alle so nett? Wir werden es nie erfahren, nach unserer Stärkung und einem liebevollem Abschied geht es weiter. Der Umweg ist natürlich doch weiter als gedacht und so kommen wir in tiefster Dunkelheit in T or C (wie man ortskundig sagt) an und genießen die heißen Quellen mitten in der Wüste New Mexicos.

Südstaaten Roadtrip: Wüste in der Wüste – White Sands

Die gelbe Steinwüste mittlerweile gewöhnt, erwischt uns eine weitere Überraschung auf der Weiterreise entlang der mexikanischen Grenze – die White Sands. Fast wie in Dokumentarfilmen über die Sahara liegt das Gebiet der White Sands vor uns. Weißer Sand in Dünen, ausgedehnt bis zum Horizont. Mehrere ungewöhnliche Naturphänomene treffen hier aufeinander, weshalb es zwar heiß, aber kein Vergleich zur eben genannten Sahara ist. Der Sand an sich ist sogar angenehm, beinah feucht, ein scheinbares Paradoxon.

white sands

Ein kleiner Spaziergang in den White Sands

jeep am strand usa

Und wenn man denkt, nun nehmen die Überraschungen ein Ende, denn New Mexico liegt so gut wie hinter uns und Texas kennt man ja schon aus Western, kurvt sich die Straße plötzlich Berge hoch und außer Tannen, Berggipfeln und kleinen Ranches sieht man weit und breit nichts. Moment mal, wir waren doch vor einer Stunde in der Wüste? Aber ja, auch solche Landschaften gibt es hier, man rechnet damit eher im Norden Kanadas als in der Nähe zu Mexiko, aber das macht das Erlebnis noch schöner.

wald berge

Südstaaten Roadtrip: Von Aliens zu Hipstern – über Roswell nach Marfa

Nach den ländlichen Gegenden, die wir in den letzten Tagen durchquert haben, kommen wir im sagenumwobenen Roswell an. Zunächst ziemlich enttäuschend, muss man sagen, denn wir haben doch, um vollkommend kitschig ehrlich zu sein, Alien-Hotels, Alien-Restaurants und Alien-Referenzen an jeder Ecke erwartet. Außerdem erkennen wir gar nichts aus der 90er Fernsehserie wieder, sind wir hier am richtigen Ort?

ufo stationen

Nachdem wir uns ein bisschen genauer umsehen, entdecken wir dann doch reichlich Alien Merchandise und vor allem Literatur von Verschwörungstheoretikern, die überzeugt sind, dass die US-amerikanische Regierung die Bevölkerung bewusst in die Irre führt. Wie groß und ernsthaft überzeugt die Szene ist, war mir gar nicht bewusst. In ihren Bann kann sie uns allerdings nicht ziehen und so machen wir uns am nächsten Morgen auf, um einige Kilometer gut zu machen und endlich in Texas einzufallen, dem Lone Star State, dem Land der Western und Cowboys.

Marfa ist eine Kleinstadt, aber der Schein trügt. Marfa ist nämlich außerdem eine der Kunst- und Hipster-Hochburgen von Texas. Nur mit Glück erwischen wir das letzte Zimmer in der Stadt, SXSW (eine große Veranstaltungsreihe in Austin mit Festivals zu Themen wie Musik, Film und interaktive Medien) ist gerade vorbei und die Massen schwappen nun von Austin rüber, um noch ein paar Tage stilvoll zu entspannen. Galerien, Kunstinstallationen, schicke Bars und Restaurants an jeder Ecke. Im Kontrast dazu sieht man die Wassertürme auf den Dächern und die freischwingenden Ampeln an den wenig befahrenen Straßenkreuzungen. Etwas unwirklich, aber gerade deshalb wahrscheinlich so attraktiv für reizüberflutete Stadtkinder.

marfa nacht

Südstaaten Roadtrip: Zurück in der „Zivilisation“ – Austin vs Houston

Bevor wir das mit Staub und Schlamm überzogene Auto wieder abgeben müssen, legen wir Zwischenstopps in Austin und Houston ein, die für uns unterschiedlicher kaum sein können. In Austin ist gerade die SXSW vorbei, kleinere Nebenveranstaltungen halten die Stadt allerdings noch auf Trab und bringen Musik in Bars und an Straßenecken. Wir wohnen stilecht, und weil man es mal gemacht haben muss, in einem Airstream Trailer und lassen uns durch die lauen Nächte treiben. Für US-amerikanische Verhältnisse ist Austin eine Kleinstadt, 950.000 Einwohner im Staat Texas, entspannt und freundlich mit viel guter Musik. Wir fühlen uns ziemlich wohl und befürchten einen Kulturschock: Unser letzter Stop ist die Metropole Houston. Es führt allerdings kein Weg daran vorbei, unser Flug geht von dort.

airstream trailer

Reisebekanntschaften haben uns mit ein paar Leuten aus Houston vernetzt. Da wir uns auf unsere letzte Etappe nicht vorbereitet haben, sind wir reichlich planlos und fragen, was man mit einem Abend in Houston am besten anfängt. Wir werden direkt eingeladen, heute mit zum Rodeo zu kommen. Rodeo? Das gibt es noch? Wir sind in der Tat schlecht vorbereitet. Uns erwartet eine Riesenshow, Familien verbringen den ganzen Tag auf dem Gelände. Draußen gibt es eine kleine Kirmes, drinnen ab dem frühen Abend in der Arena verschiedene Rodeo-Programmpunkte und anschließend ein Rockkonzert. Wir sind baff.

Unsere neuen Freunde führen uns danach in Houston aus, zeigen uns ihre Lieblingsecken und eine Bar, in der regelmäßig Schildkrötenrennen stattfinden. Wie bisher jeder Ort, den wir gesehen haben, weiß auch Houston uns zu überraschen und begeistern. Viel zu früh am nächsten Tag müssen wir unseren treuen Gefährten zurückbringen und in den Flieger steigen. Wir kommen wieder zu einem zweiten Südstaaten Roadtrip, denn auf Überraschungen freuen wir uns immer!

jeep mood

strassenszene usa landschaft amerika roadtrip


DIE GASTAUTORINUrlaub in Mexiko Anky

Ich bin Anky, habe interkulturelle Kommunikation studiert und lebe im schönen Berlin-Friedrichshain. Ich verreise gern, um neue Dinge zu lernen und Leute aus der ganzen Welt zu treffen. Zuhause feile ich weiter an Sprachen, genieße die Stadt und Menschen und lebe gern. Folg ihr doch auf Instagram unter @_anky___!

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