Es ist Sonntagabend. Der Tatort ist vorbei. Zwei Menschen sitzen in unterschiedlichen Städten vor dem Laptop und Reden. Es sind Gespräche über die Liebe, das Leben und den alltäglichen Wahnsinn. Die zwei Menschen sind mein Co-Blogger Michael und ich und wir lassen euch am Gespräch teilhaben, damit ihr auch euren Senf dazugeben könnt. Heute geht es um das Thema Freundschaften: 

Christine: Sind wir jetzt eigentlich schon Freunde? Irgendwie tue ich mich immer schwerer mit dem Begriff. Ich kenn dich ja eigentlich nur aus dem Internet, aber dann haben wir uns jetzt schon zweimal gesehen und das war ja sehr nett, aber ist das jetzt eine Freundschaft?

Sprechstunde-Freundschaft

Michael: Heutzutage spielt es doch überhaupt keine Rolle mehr, wo man sich kennenlernt. Außerdem sind wir doch schon seit drei Jahren bei Facebook befreundet. Aber eine Freundschaft – nein, so leicht ist das nicht, denke ich.

Christine: Gut, da sind wir uns einig. Ich habe dir nämlich noch nicht einmal von meinen tiefen, psychischen Abgründen erzählt, das gehört ja zu einer Freundschaft dazu.

Michael: Dann wird es aber Zeit.

Christine: Wann würdest du denn jemanden als „Freund“ bezeichnen?

5 Minuten vergehen

Christine: Hallo? Eingeschlafen?

Michael: Das ist eine super Frage: Du weißt doch, dass ich unter anderem Philosophie studiere. Eine Freundschaft beginnt dann, vermute ich, wenn man in die tiefere Sphäre des Anderen eindringt. Banal gesprochen, wenn man sich füreinander in gleicher Weise interessiert, Sympathie empfindet und ein Grundvertrauen in sein Gegenüber hat, oder?

Christine: Mal schön eingebaut, dass du Philosophie studierst und ein ganz ein Kluger bist. ;) Aber du hast Recht, denke ich. Nur das mit der „gleichen Weise interessiert“ ist manchmal schwierig… Ich glaube, ich ziehe Menschen an, die total egozentrisch und ich-bezogen sind. Ich interessiere mich unglaublich für sie, weil es meist sehr starke Persönlichkeiten sind, aber dann kommt irgendwann der Punkt, an dem ich total leer bin, weil ich alles gegeben und nichts bekommen habe.

Michael: Das hört sich traurig an. Du musst in Zukunft besser darauf aufpassen, wem Du deine Zeit und dein Vertrauen schenkst.

Christine: Ich nehme nur noch Freunde auf, die mitten in der Nacht vorbeikommen und Spinnen in meiner Wohnung töten. Was sind denn für dich „no goes“ bei Freunden?

Michael: Nicht pünktlich zu sein. Und was ich total anstrengend finde, wenn man verabredet ist und dann in der letzten halben Stunde abgesagt wird. Und Freunde in Beziehungen, wenn der Partner immer wichtiger ist. Und was mir einfällt: Ich finde es schlimm, wenn Freundschaften aufgrund einer Distanz nicht mehr funktionieren. Vor allem heutzutage ist es doch kein Problem mehr über mehrere tausend Kilometer den Kontakt aufrechtzuerhalten. Einer meiner besten Freunde lebt beispielsweise in Australien.

Christine: Ja, das ist auch ein Problem, das ich habe. Ich brauche Freunde, die akzeptieren, dass ich eben nicht immer da bin und mich, wenn ich da bin, trotzdem mit offenen Armen empfangen. Manchmal finde ich die Situation selber schwierig, z.B. wenn es einer Freundin schlecht geht und ich kann Sie einfach nicht in den Arm nehmen und trösten, weil ich an irgendeinem Strand in der Südsee rumspringe. Deswegen möchte ich dieses Jahr auch weniger reisen. Ich will für Freunde da sein.

Michael: Was ist dir sonst wichtig?

Christine: Mir ist wichtig, dass meine Freunde bedingungslos ehrlich zu mir sind. Auch wenn ich Blödsinn gemacht habe. Mit Heuchlern kann ich nichts anfangen. Ich will mich auf diese Personen verlassen können. 100%. Ich will, dass sie pünktlich sind und ich will, dass sie mir nicht 10 Minuten vorher absagen. Ich finde zu spät kommen so respektlos. Und man muss mir schon sehr das Gefühl geben, dass man sich für mich interessiert, sonst erzähle ich einfach nichts. Denn ich kann auch sehr gut zuhören. Eigentlich höre ich lieber zu, als dass ich rede.

Michael: Ganz schön hohe Erwartungen. (ironisch) Also früher hat man vermutlich Anstand dazu gesagt, nicht zu spät zu kommen, wenn man verabredet ist.

Christine: Ja, die Zeiten haben sich geändert. Komm du mir mal nach Berlin… Da lauern einige Enttäuschungen hinter so manchen Ecken. Hast du dich mal so richtig in einen Menschen getäuscht?

Michael: Ich habe vor kurzem bemerkt, dass mich ein „Freund“ mit dem ich einige Jahre studiert habe, einfach bei Facebook gelöscht hat. Auf die Frage hin, wieso er das gemacht hat, schrieb er mir nur: „Er wollte mal Platz schaffen“. Das finde ich schon ziemlich daneben.

Christine: Wie hast du darauf reagiert?

Michael: Ich war schon ziemlich enttäuscht, obwohl ich ihn länger nicht mehr gesehen habe, weil ich in eine andere Stadt zum Studieren gegangen bin. Wir haben total viel Zeit während des Studiums verbracht. Aber ich glaube, dass er die meiste Zeit mit mir nur verbracht hat, weil ich ihm für die Prüfungen und bei seinem Problemen helfen konnte.

Christine: Ich hasse Menschen, die so berechnend sind. Das kotzt mich richtig an! Andererseits macht es mich auch traurig, denn wenn eine richtig gute Freundschaft zu Ende geht, dann ich das fast wie das Ende in einer Beziehung. Ich habe da einmal fast den gleichen Schmerz empfunden.

Michael: Ja. Ich finde, dass es wenig Unterschied zwischen einer „richtigen“ Freundschaft gibt und einer Beziehung. Denn in einer richtigen Freundschaft sollte man doch auch fast alles geben von sich, wie in einer Beziehung, oder? Auch in der Liebe habe ich mich getäuscht.

Christine: Wer hat sich denn bitte in der Liebe noch nicht getäuscht? Glaubst du eine Freundschaft zwischen Mann und Frau ist anders als zwischen Frau und Frau oder Mann und Mann?

Michael: Nein – eine Freundschaft ist eine Freundschaft. Egal in welcher Geschlechterkonstellation.

Christine: Ich bin mir da immer noch nicht ganz sicher…

Michael: Wieso?

Christine: Also, wie schon Samantha in Sex and the City gesagt hat….
Nein, will das jetzt gar nicht zitieren, aber ich glaube es gibt Freundschaften, aus denen auch mehr werden könnte. Was bei Mann-Mann, Frau-Frau eher unwahrscheinlicher ist. Oft hat man einen Freund genauso gerne, wie eine Freundin, aber beim Freund denkt man sich, vielleicht könnte da mehr werden.

Michael: Natürlich könnte das passieren. Aber ist eine Beziehung nicht auch eine Freundschaft in ihrer extremsten Form? Ich verstehe gerade die Problematik nicht ganz.

Christine: Es gibt keine Problematik nur eine Erkenntnis, dass eine gleichgeschlechtliche Freundschaft vielleicht doch ein bisschen anders ist, sobald man sich auch irgendwie körperlich angezogen fühlt. Ich glaube es ist sehr oft so, dass wenn in einer Freundschaft beide frei wären, was laufen würde, weil immer wenigstens einer sich mehr vorstellen könnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass du ein ganz ein Netter bist, was die ein oder andere Frau auch falsch interpretieren könnet.

Michael: Spätestens, wenn ich bemerken sollte, dass eine Frau mein Verhalten falsch interpretiert, würde ich sofort mit ihr darüber sprechen wollen. Wäre doch zu schade, wenn eine Freundschaft durch Missverständnisse kaputt gehen würde.
Christine: Ja, aber wenn einer mal emotional einen Schritt zu weit gegangen ist, dann ist schon alles schwierig…  Wie nennen wir uns denn jetzt? Bekannte? Bekannte aus dem Internet? Heißt das eigentlich ich habe dich „auf“ oder „in“ oder „bei“ Facebook kennengelernt?

Michael: Alle drei Varianten hören sich gut an. Aber eigentlich haben wir uns doch bei eBay kennengelernt, als wir Beide den DDR Turm ersteigern wollten. Weißt Du das gar nicht mehr?

Christine: Natürlich. Ich glaube auf jeden Fall, ich brauche da ziemlich lange zu, um eine neue Freundschaft aufzubauen. Es kommt eigentlich jedes Jahr nur eine Person dazu.
2014 sieht es noch gut aus für dich.

Michael: Aber was ist jetzt mit deinen Abgründen?

Christine: Ich bin müde. Granny Chrissy muss glaub ich ins Bett. Fortsetzung folgt.

Michael: Schlaf gut. Bekannte.

 

8 Kommentare

  1. Vielen Dank, dass ihr uns an diesem Gespräch teilhaben lasst. Ich sehe das sehr ähnlich wie ihr. Mir ist Freundschaft auch sehr wichtig und ich finde, dass man sich auf Freunde verlassen und über alles reden können muss. Eine meiner besten Freunde hat von heute auf morgen nicht mehr mit mir reden wollen. Nach Wochen habe ich dann mal erfahren, was überhaupt los ist. Aber reden wollte sie immer noch nicht mit mir. Da frägt man sich schon, wie gut diese Freundschaft wirklich war, wenn sie so einfach zu zerstören ist. Daher mein Appell an alle: egal was zwischen euch vorgefallen ist, wenn ihr euch jemals Freunde genannt habt, dann hat der andere zumindest ein Gespräch und eine Erklärung verdient!

  2. Vielen dank für das interessante Gespräch. Was ich bei Freundschaften nervig finde ist,wenn man sich seit Jahren kennt und auch weiß,dass dem anderen etwas an der freundschaft liegt aber derjenige sich fast nie von selber meldet und man immer auf den anderen zukommen muss,bevor man sich mal wieder trifft oder einfach nur schreibt. Ich habe dann das Gefühl dem anderen ist das ganze egal obwohl es eigentlich nicht so ist.. aber sie nutzen das häufig die ausrede sie seien mal wieder soooo busy.. hachja

  3. Stimme euch absolut zu! Irgendwie scheint es, dass der Egoismus immer größer wird und Freundschaften – oder das was wir dafür gehalten haben – immer öfter „entsorgt“ werden – weil nicht gewinnbringend genug. Die Erfahrung musste ich auch schon machen. Das ist sooo traurig. Aber aufgeben gilt nicht ;) gibt ja offesichtlich genug Leute die anders denken :-). Muss man besser „sieben“ auch wenn es mir irgendwie gegen den Strich geht.

  4. Ich finde, dass noch ein weiterer Aspekt zu einer richtig guten Freundschaft gehört: Ich weiß nur nicht, wie ich das nennen soll, deswegen beschreibe ich es mal: Meine beste Freundin und ich können wochen-, ja sogar monatelang mal keinen Kontakt miteinander haben, vielleicht weil wir beide so im Studium eingespannt sind, vielleicht auch wegen anderen Gründen. Und trotzdem: wenn wir uns wiedersehen, ist es immer so, als hätten wir uns erst vor einer Woche das letzte Mal gesehen. Genauso vertraut wie immer, nur dass man sich noch mehr zu erzählen hat als sonst ;)

  5. Genau das ist es! Als würde man nahtlos an ein Gespräch anknüpfen, das man eben einfach mal kurz unterbrochen hat. Und keine macht der anderen Vorwürfe, weil sie sich zwischenzeitlich nicht gemeldet hat. Weil jede weiß, dass es dafür gute Gründe gegeben haben muss. Was ich gar nicht leiden kann: „Freunde“, die sich nur melden, wenn es ihnen schlecht geht…

  6. Also ich finde ja, trotz stressiges Studium/Job oder was auch immer, man hat IMMER mal ein paar Minuten Zeit um den Kontakt zu halten. Gerade heut zu Tage, jeder ist ständig mobil/online, da kann mir doch keiner erzählen, dass er keine Zeit hatte um wenigstens mal kurz zurück zu rufen oder zu antworten.

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