Vor wenigen Tagen hatte ich Geburtstag. Richtig gefeiert habe ich ihn eigentlich noch nie. In den letzten Jahren war ich meistens mit guten Freunden an einem tollen Ort in Deutschland oder im Ausland. Aber eine Party. Nö. Auch dieses Jahr nicht. Meinen Geburtstag habe ich tagsüber in Klein Tibet im Zillertal und abends in einer netten Runde mit ganz unterschiedlichen Menschen (alle knapp zwanzig bis vierzig Jahre älter) und Hunden verbracht, die ich erst am vorherigen Tag kennengelernt habe. Ich war nämlich mit Christine und ihrem Boris in einem Hundehotel. Wie es sich als Mensch unter Hunden anfühlt, schreibe ich bald hier an einer anderen Stelle. Denn ich möchte etwas anderes erzählen: Der Ausflug in das österreichische Tibet machte mich sprachlos. Und das, obwohl ich eigentlich gerne, ununterbrochen und viel rede. Manchmal so viel, dass ich am Ende gar nicht mehr weiß, womit ich eigentlich angefangen habe.
Magdalena, die Besitzerin des Hotels, die ich am Abend vor meinem Geburtstag kennengelernt habe, hat zu mir etwas tolles, wie sagt man so schön – an meinem „Ehrentag“ – gesagt: „Du wirst erst 26 Jahre alt? Oh mein Gott, ist das jung! Genieß bloß dein Leben. Denn es ist zu kurz, um ihm beim Verstreichen zuzusehen.“ Der Satz klingt irgendwie toll, macht mich aber nachdenklich zugleich.

Zillergrund_Michael_Ankermüller

Denn: Leben wir eigentlich wirklich nach diesem Motto oder hört es sich eben nur gut an und liest sich toll in Zitatbüchern und in „Wie werde ich glücklich?“ – Ratgebern oder auf Geburtstags– und Weihnachtskarten? Ich denke zurück, wie es in meiner Kindheit gewesen ist. Nach der Grundschule war für mich relativ klar, dass ich auf ein Gymnasium gehen werde. Das haben zumindest meine Eltern so entschieden. Spätestens nach der Mittelstufe war mir dann klar, dass ich studieren will. Das war zwar meine persönliche Entscheidung. Das Studienfach aber wohl weniger.  Gymnasiales Lehramt sollte es sein. Zumindest war das der Wunsch meiner Familie. Schließlich sei das ja ein sicherer Job, im besten Fall wird man verbeamtet und das Geld stimmt auch. Die Stadt der Universität habe ich natürlich danach ausgewählt, wie es sich meine damalige Freundin wünschte.  Und danach: Am besten heiraten, Kinder kriegen, ein Haus bauen oder eine Eigentumswohnung kaufen. Und kurze Zeit habe ich selber gedacht, dass ein Leben eben so verläuft. Denn wenn man sich in seinem Bekanntenkreis umschaut, findet man sicherlich einige solcher geradlinigen Lebensabläufe. Und um Himmels willen. Ich finde das auch überhaupt nicht schlimm oder gar schlecht. Nur für mich ist eben nichts.
Nur ein paar Jahre später ist in meinem Leben vieles anders, als ich es je gedacht habe. Das Lehramt Studium habe ich abgebrochen. Die Universität und somit auch die Stadt wegen eines Masterstudiengangs gewechselt. Eine Freundin habe ich, aber heiraten? Wir mögen uns auch so unglaublich gerne. Der Bau eines Hauses? Ich habe momentan nicht mal eine Wohnung, weil ich sowieso die meiste Zeit unterwegs bin. Verrückt oder vielmehr völlig normal heutzutage? Das bisher nichts von dem eingetroffen ist, was ich eigentlich früher gedacht habe, dass es so kommen muss, macht mich keineswegs unglücklich. Ganz und gar nicht. Aber natürlich stelle ich mir auch hin und wieder die Frage: Wäre ich in einem Leben, das den Wunsch  anderer gerecht worden wäre, glücklich geworden? Oder vielleicht sogar glücklicher? Aber wie soll man schon wissen, ob das Leben, das ich jetzt lebe, wirklich meins ist?

Der zweitwichtigste Tag im Leben nach unserer Geburt ist der Tag, an dem wir herausfinden, warum wir geboren wurden. Zumindest wenn wir den Menschen vom Stamm der Hadza in Tansania glauben dürfen. In unserer Kultur, in der die persönliche Freiheit des Einzelnen geachtet wird, ist es nicht sonderlich schwierig, das Leben zu führen, das man möchte. Das Problem ist nur, dass wir heutzutage so viele Möglichkeiten haben, das wir gar nicht mehr wissen, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist? Jeder kennt dieses Gefühl. Da bin ich mir sicher. Und der eigene Lebensentwurf wird ganz schnell zu dem, was eigentlich andere von uns erwarten. Zumindest habe ich oft jenes beunruhigendes Gefühl. Oder was wollen mir eigentlich die zahlreichen Werbungen sagen, die Mama und Papa zufrieden, ziemlich sicher verheiratet mit ihren hübschen Kindern (Junge und Mädchen), sowie einem Hund im Garten des strahlend weißen Einfamilienhauses mit Grill zeigen?

Die große Gefahr besteht darin, dass man viel zu spät bemerkt, dass man eigentlich nicht seinen Traum, sondern den Traum, den andere für einen ausgesucht und für richtig erklärt haben, gelebt hat. Oder wieso machen so viele Menschen einen Job, den sie gar nicht mögen? Wahrscheinlich wegen des Status, den er wohlmöglich mit sich bringt. Natürlich ist es in der Realität nicht immer so leicht nur das zu machen, was man will. Doch versuchen kann man es auf jeden Fall!
In letzter Zeit erzählen mir viele Bekannte und Freunde immer wieder, dass sie ihr Alltag unzufrieden stimmt und der Sehnsucht, dass es besser werden wird. Das sie lieber etwas anderes studiert oder eine Ausbildung gemacht hätten. Das sie sich anstatt Party lieber um ihren Partner gekümmert hätten. Oder nicht jeden einzelnen Euro in das teure Auto investiert hätten, das mittlerweile Schrott ist. Beispiele gibt es zahlreiche. Und jeder kennt sie. Doch der Alltag scheint für viele wie eine dichte Nebelwand zu sein, die sich einfach nicht auflösen will. Spätestens wenn man an diesen Punkt angekommen ist, ist es Zeit seinen Mut zu packen und auf sein Herz zu hören. Was sich zwar wie eine blöde Floskel liest, ist nun mal trotzdem oft die „Wahrheit“.
Wie schrieb Christine so schön: „Raus auf der Komfortzone.“ Viel zu oft wartet man doch darauf, dass das Leben endlich anfängt. Verständlich: Denn das Leben besteht nun mal aus Etappen: Schule, Ausbildung oder Studium, Weiterbildung, Fortbildung, möglicherweise für manche sogar eine Chefposition. Dann die verdiente und hart erarbeitete Rente. Und dann ist das Leben schon wieder vorbei. Ständig sind wir damit beschäftigt, Pläne zu schmieden: Jener Job, mehr Geld, die perfekte Freundin, der perfekte Freund, mehr Sicherheit und noch vieles mehr. Denn dann, so glauben wir , ist endlich der richtige Augenblick gekommen, um das passende Leben zu beginnen. Doch dieses Denken in Etappen und permanenten Warteschleifen wird letztendlich nur dazu führen, dass man vermutlich nie ankommen wird. Zumindest denke ich das.

Sichere Wege sind eben bequem und erfordern meistens viel Mut, um von ihnen abzuweichen. Auch ich komme ganz oft nicht weiter und denke wieder zu viel an meine Zukunft. Doch einer Sache bin ich mir immer mehr sicher: Es gibt kein passendes und perfektes Leben. Sondern muss immer wieder neu und grenzenlos gedacht werden. Ich weiß sehr gut, dass es nicht einfach ist. Denn es bedeutet eben sehr viel Mut, der Mensch zu sein, der man wirklich ist. Und eben nicht der Mensch, den gerne andere hätten. Doch um auf Magdalenas nette Worte zurückzukommen: Das Leben ist einfach viel zu kurz und viel zu schön, um es einfach an sich vorbei rauschen zu lassen

In wenigen Tage packe ich schon wieder meine Koffer, um meinen Traum und meine Leidenschaft des Reisens zu leben. Früher hätte ich tagelang darüber nachgedacht, was alles auf der Reise passieren könnte und ob ich mir das überhaupt zeitlich und auch finanziell leisten kann. Denn schließlich beginnt doch bald wieder die Universität und ich sollte mich darauf vorbereiten. Und mein Geld sollte ich sowieso sparen. Für schlechte Zeiten.  Aber wenn ich etwas in den letzten Monaten gelernt habe: Mehr auf mein Herz hören und weniger nachdenken. Meine Professoren werden mir es sicher verzeihen. Ganz bestimmt.

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Das Zillertal ist so unfassbar schön.

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Auf dem Weg nach Klein Tibet gibt es immer wieder kleine Bänkchen zum Verweilen. Aber nicht so viel nachdenken und einfach die Aussicht genießen!

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Man kommt sich ganz schön klein vor, wenn man auf dem Staudamm am Zillergrund angekommen ist.

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Neuseeland in Österreich?

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Man kann sich kaum satt sehen an der Kulisse der Natur!

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In Klein Tibet angekommen

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11 Kommentare

  1. Sicherheit ist ein hoher Wert für mich. Deshalb würde ich meinen Job nicht hinschmeißen, auch wenn ich manchmal davon rennen könnte, oder das nicht machen will was von mir verlangt wird. Coaching Ausbildungen leben davon den Teilnehmern zu zeigen wie man Zugang zu seinen Werten findet und wie man Ziele verfolgt. Mich interessiert aber eher, wie kann ich mich und andere für Lebensphasen fit machen, die zäh sind und keinen Spaß machen. Durchhaltevermögen wenn die Puste ausgeht. Kannst du darüber einen Artikel schreiben?

  2. Ich werd auch in anderthalb Wochen 25 und habe gerade ähnliche Gedanken wie du…

    Schöner Post zu dem Thema und atemberaubende Bilder. Muss auch unbedingt noch nach Österreich :)

  3. Hallo Michael,
    ein sehr interessanter Artikel. Du hast recht, richtig oft wollen wir immer in irgendwelche Muster passen und merken einfach gar nicht, wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen. Wichtig ist aber häufig auch, einen Mittelweg zu finden, besagte „Komfortzone“ zu verlassen, aber doch so, dass man sich dabei noch sicher und wohl fühlt.

  4. Oh – verdammt guter Post. Man vergisst im Alltag schnell, was man eigentlich will – redet sich Hürden ein, wo keine sind. Toll, dass du daran erinnerst. Einfach anfangen zu leben. Ab geht´s ;)

    Liebst,
    Vreeni

    PS: Werde Teil der neuen „what the fuck?“-Kollektion. Wie? Das erfährst du hier: be a part

  5. „Die große Gefahr besteht darin, dass man viel zu spät bemerkt, dass man eigentlich nicht seinen Traum, sondern den Traum, den andere für einen ausgesucht und für richtig erklärt haben, gelebt hat. Oder wieso machen so viele Menschen einen Job, den sie gar nicht mögen? Wahrscheinlich wegen des Status, den er wohlmöglich mit sich bringt.“

    I LOVE it, man!!

  6. Toller Bericht und absolut wahnsinns Bilder! Ich war vor zwei Wochen in Klein Tibet und zwar an meinem 30. Geburtstag. Ich hab mit meinem Hund an meiner Seite und einem kalten Glas Holundersaft in der Hand einfach nur da gesessen und die wunderschöne Umgebung genossen. Einen besseren Ort, um Kraft für neue Lebenswege zu tanken, kann es nicht geben!

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