Die Gattung „japanischer Tourist“ war bis vor kurzen ein Dorn in meinem Auge. Es sind immer ganz viele, die ganz viele Fotos machen, immer auf einem Haufen hängen und null Rücksicht auf andere nehmen, die eventuell auch gerne ein Foto haben möchten. Als ich dieses Jahr in in Tokio war – für das Penis Festival – und mich natürlich auch mit der Gattung „japanischer Tourist“ in seiner Heimat beschäftigt habe, wurde mir bewusst, dass sie nur eine Woche Urlaub im Jahr haben. Nur eine Woche im Jahr um die Welt zu sehen. Das grenzt ja fast an Folter.

Christine-Neder-Lake Wakatipu-Queenstown

Seit ich das nun weiß, habe ich vollstes Verständnis für ihr Verhalten, lasse jedem Japaner Vortritt beim Fotomachen, damit er schnell weiter kann, zum nächsten Sightseeing Spot. Ehrlich gesagt finde ich es sehr bewundernswert, dass die Japaner bei nur einer Woche Urlaub im Jahr nicht komatös auf dem Sofa hängen, sondern diese Hardcore-“Oh Gott ich wäre nach zwei Tagen Tod“-Reisen absolvieren.

Man kann sich auch wirklich in jedem Land darauf verlassen, dass irgendwo eine japanische Reisegruppe aus dem Bus springt. In Queenstown durfte ich sogar mit ihnen Gondel fahren, um die Skyline von Queenstown zu sehen. An die 50 Japaner wuselten mit mir auf dem Aussichtsdeck rum, um einen 220 Grad Panoramablick über Queenstown zu haben und einen unglaublichen, wirklich atemberaubenden Blick auf den Lake Wakatipu in Queenstown.

Panoramablick-Queenstown

Als dann alle ein Foto von der Aussicht hatten, alle ein Foto ohne Menschen, eins mit der Gruppe, eins mit jedem Pärchen und dann noch alleine (sehr clever, falls man sich mal trennt), also ungefähr 287 Fotos später, konnte ich auch endlich mein Stativ aufbauen und still und heimlich mit dem Selbstauslöser ein paar Fotos von mir machen. Danach ging ich noch den Loop Trak entlang und habe ein Foto geschossen, wie ich im Gras sitze, mit dem Rücken zur Kamera und vor mir Queenstown und der Wakatipu Lake. Ich war noch nicht mal richtig aufgestanden und wollte eigentlich noch ein zweites Bild machen, da kam schon die 50 Mann Busgruppe auf mich zu, die gesehen hatte, wie ich da sitze und hat mir mein Fotomotiv geklaut.

Christine-Neder-Queenstown

Ich hatte dann keine Nerven mehr wieder 287 Fotos abzuwarten, bis ich noch ein zweites Foto von mir machen konnte, kapitulierte und beruhigte mich mit dem Mantra: „Sie haben nur eine Woche Urlaub im Jahr, sie haben nur eine Woche Urlaub in Jahr, sie haben nur …“ Was zu jedem Besuch in Queenstown gehört ist eine Fahrt mit der Skyline Gondel über Queenstown und anschließend eine schöne Tasse Latte am Panoramafenster. Die ersten zehn Minuten konnte ich in absoluter Stille und Ruhe die Aussicht und den Kaffee genießen, bis meine japanischen Freunde mit den 287 Fotos fertig waren und natürlich die gleiche Idee hatten wie ich. So saßen wir also alle friedlich und ruhig am Panoramafenster und haben auf die Skyline von Queenstown gestarrt, bis plötzlich alle Japaner unruhig geworden sind. Binnen Sekunden sprangen sie wie von der Tarantel gestochen auf, haben Getränke, Jacken, Taschen, alles liegen gelassen und sind auf das Aussichtsdeck gerannt. Ich wusste erst gar nicht was los ist. Hätten sie nicht alle den Fotoapparat dabei gehabt, wäre ich davon ausgegangen, dass irgendwo ein Feuer ausgebrochen ist und wir um unser Leben rennen müssen.

Meine Neugier packte mich und ich bin der Herde hinterhergegangen, nicht gerannt, das war mir dann doch zu peinlich. Und was sah ich auf dem Deck? 50 verrückte Japaner, die sich fast totgeprügelt und gegenseitig mit ihren iPads niedergeschlagen hätten, um alle ein Foto zu machen, vom … Regenbogen.

Regenbogen-Lake-Wakatipu

Ich stand fassungslos da und konnte nicht glauben, was ich da sah. Das gleicht einem Chanel Lagerverkauf mit 80% Rabatt auf alle Klamotten oder einer Shoperöffnung, wenn wieder mal irgendein bekannter Designer mit H&M eine Kooperations-Kollektion rausgebracht hat.

Als mich die Japaner entdeckten, drückten sie mir ihre Kameras in die Hand, damit ich die Pärchenfotos machen konnte, bevor der Regenbogen verschwindet. Ganz zum Schluss, hat dann auch ein Japaner ein Foto von mir gemacht, bevor er hektisch davongerannt ist, weil der Rest schon wieder in der Gondel oder schon im Reisebus saß. Oh Gott, was für ein Erlebnis. Was ich wirklich am meisten bereute, dass ich kein Video von der Aktion gedreht habe oder wenigstens ein Foto gemacht habe. Ich hoffe, ich konnte die Situation nachvollziehbar und lebhaft beschreiben. Dafür haben jetzt alle japanischen Pärchen ein Foto von sich und dem Partner vor der Skyline Queenstown mit Regenbogen. Meine gute Tat des Tages ist erfüllt!

 

Christine-Neder-Skyline-Gondola-Queenstown

Mein Regenbogen-Bild made from Japaner und mein Videotagebuch:

Restaurant-Skyline-Gondola

Dinner with a view

Skyline-Gondola-Queenstown

Das Panoramafenster

Queenstown-Lake-Wakatipu

Wie im Bilderbuch

Aussicht-Skyline-Gondola

Aussichtsplattform über Queenstown

Queenstown

Japaner am Wakatipu Lake

Queenstoen-Skyline

Reiseinfos: Falls ihr nach Queenstown kommt, kann ich euch das Novotel empfehlen. Vom Balkon aus habt ihr einen grandiosen Blick auf den Wakatipu Lake und die Marina Promenade ist nur 20 Sekunden zu Fuß entfernt. Mehrere Infos zur Gondola Skyline Queenstowen findet ihr hier: www.skyline.co.nz. Auf der Skyline Queenstown kann man neben der fantastischen Aussicht auch Lunch oder Dinner buchen und wenn es dunkel ist Sterne beobachten.

Christine-Neder-Skyline-Gondola

Und wenn ihr ganz viel Glück habt, dann bekommt ihr auch einen Regenbogen.

Lake-Wakatipu

Vielen Dank an New Zealand für die Unterstützung.

13 Kommentare

  1. Hahaha beste Geschichte! :D Diese Reisegruppen können echt nervig sein. Queenstown ist soo schön von oben :) Obwohl ich die Stadt an sich gar nicht so mag. Wanaka ist dafür auch sehr schön :)

  2. Die Fotos sind traumhaft schön! Das wäre absolut mein Ding!
    Ich notiere mir fleißig, was ich sehen will, wenn ich mal in das Land komme. Immer her damit! *g*

    Und was die Gattung „japanischer Tourist“ angeht, davon kann ich bekanntlich ein Lied singen.
    Es stimmt allerdings nicht, dass wir nur 1 Woche Urlaub haben. Es stimmt allerdings, dass die meisten Japaner sehr wenig Urlaub haben und dann auch oft gar nicht den gesamten Urlaub nehmen, der ihnen eigentlich zustehen würde. Man hat viel zu viel Angst, den Job oder das Gesicht zu verlieren.

    Das eigene Land wird dann am Wochenende, v.a. an einem langen Wochenende wie jetzt gerade, unsicher gemacht. Ich war echt erstaunt, wie viele Leute heute bei der Shooting Location zu „Norwegian Wood“ (nach dem Roman von Haruki Murakami) waren.

    Oh, und da wird nicht komatös auf dem Sofa gelegen, sondern gestorben. Das nennt sich „karoshi“ und bedeutet so viel wie „Tod durch Überarbeitung“. Das gibt es hier leider wirklich. *seufz*

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