In so einem Mailpostfach flattern immer wieder die unglaublichsten Einladungen rein. Eine davon hatte folgenden Betreff: „Deutschland auf dem Weg zur reinen Single-Gesellschaft oder: Singles an die Macht!“ Es war eine Einladung zu einem Single Symposium. Anne ist der Einladung mal nach gegangen und glaube ich heute noch schwer traumatisiert von diesem Abend:

Vor ein paar Tagen ging ich zum Single Symposium. Singles in der Gesellschaft war das Thema. Nein, es war nicht meine Wahl, sondern viel mehr ein Selbstversuch. Seit geschlagenen vier Monaten bin ich in einer festen Beziehung nachdem ich vier Jahre Single war. Da dachte ich mir, schau dir doch mal an, was Menschen so von Singles denken und ich war und bin es immer noch: GESCHOCKT.

Singles in der GesellschaftPhoto by Last Nights Party

Die ganze Veranstaltung dauerte knappe drei Stunden, wobei die ersten 30 Minuten noch auszuhalten waren und der Rest leider unglaubliche Gülle war. Stattgefunden hat das Ganze im Indigo Hotel in Berlin Mitte. Hier trafen sich Menschen, oder nein, Experten, die irgendwie alle was mit dem Thema Singles in der Gesellschaft zu tun hatte. Sexualwissenschaftler, Paartherapeuten, Touristiker und Politiker, die auch was dazu sagen wollten. Was ich aus dem Seminar mitgenommen habe?Anscheinend kann man Singles in der Gesellschaft als eine Art Mensch bezeichnen, die es im Leben nicht geschafft hat. Deshalb brauchen diese sogenannten Singles in der Gesellschaft auch ganz viel Zuneigung und eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Ich kam aus dem Kopfschütteln und Mundöffen nicht mehr heraus. Ironischerweise saß genau vor mir ein Paar, das gar nicht die Finger von sich lassen konnte. Wo bin ich hier nur?

In Ruhe hörte ich mir Vortrag nach Vortrag an. Vielleicht lerne ich ja noch was, dachte ich mir. Singles in der Gesellschaft… eigentlich interessant. Und so ging es los. Sprecher Nummer 1, ein Paartherapeut aus Bayern, ging ganz gelassen an die Geschichte heran. Durch ihn habe ich gelernt, dass es heute 11 – 12 Millionen Singles in Deutschland gibt. Warum? Das weiß ich leider bis heute noch nicht. Dafür weiß ich allerdings, dass mein schlauer Spruch „Willst du gelten, mach dich selten“ sogar in der Paartherapie zieht.

Und dann wurde es richtig interessant, allerdings auch das einzige Mal am ganzen Abend. Eine Sprecherin von Beate Uhse brachte es auf den Punkt: wir leben im Zeitalter der seriellen Monogamie. Das heißt so viel wie: Beziehung, Trennung, Singlesein, Beziehung, Trennung… So ist es doch nun mal, oder? Aber was machen denn die Singles da draußen? Die 11-12 Millionen? Ich dachte immer, Singles in der Gesellschaft sind unheimlich aktiv. Anscheinend gibt es aber genug Leute, die denken, dass Singles einfach keinen Sex haben. Die Frau von Beate Uhse weiß allerdings genau, wie es aussieht: Singles möchten auch Liebe haben, nicht einfach nur Sex. Stimmt das? Auch ganz interessant war die Statistik, welche besagte, dass 94% aller Singlefrauen da draußen einfach kein Sex haben. 88% sind es bei den Männern.

Was also tun die Singles in der Gesellschaft, um auch mal auf ihre Kosten zu kommen? Wenn man sich einmal die ganzen Singlebörsen anschaut, dann weiß man, was die Singles in der Gesellschaft machen. Sagenhafte 7 Millionen Mitglieder haben die Singlebörsen in Deutschland. Ich habe übrigens gelernt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Single- und Kontaktbörsen. Während es auf Singlebörsen also noch ein bisschen Gespräch gibt, geht es bei Kontaktbörsen um Anfassen. Ihr wisst schon was ich meine. Wer braucht schon reden, wenn man direkt in die Kiste springen kann?

Soweit alles gut und dann ging es los. Die lieben Politiker waren an der Reihe und durften zur Abwechslung mal nicht über Migranten und Hartz IV reden, sondern sich zum Thema Singles in der Gesellschaft äußern. Herr Zierke, wieso waren sie eigentlich auf einem Single Symposium? Herr Zierke ist Mitglied des Bundestags und ein ganz Schlauer. Ich bin wirklich kein Gegner von Politikern, aber manchmal fragt man sich wirklich, was denen so in den Sinn kommt. Herr Zierke jedenfalls sieht das Hauptproblem im Single Dasein darin, dass es in Deutschland nicht genug Wohnungen gibt, in denen man mit einem Haustier leben kann. Wie bitte? Ach so, sie meinen, dass Singles in der Gesellschaft sich ihre Befriedigung von Haustieren holen? Nein. Herr Zierke, das nennt sich Sodomie und hat nichts mit dem steigenden Anteil von Singles zu tun. Denken Sie wirklich, man ist so alleine als Single, dass man dringend ein Haustier braucht? Ich dachte immer, dass das der erste Schritt Richtung Sesshaftigkeit wäre und nicht einen Weg aus der Einsamkeit darstellt. Vielleicht irre ich mich ja auch, aber in meinen vier Jahren des Singledaseins hatte ich kein Haustier und ich lebe auch noch. Herr Zierke setzt aber noch einen drauf und sagt, dass Singles in der Gesellschaft ein Armutsrisiko darstellt. Ok. Jetzt reichts. Bitte was? Haben sie eigentlich schon einmal was davon gehört, dass es genug Menschen gibt, die die Karriere der Familienplanung vorziehen und gerade in diesem Moment einfach Single sein möchten, um Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen und einfach die eigene Karriere auszubauen? Anscheinend nicht. Wir leben heute in einer so schnelllebigen Zeit, dass wir uns immer und überall verändern und von einem Ort zum anderen ziehen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das nennt sich Globalisierung und ist nun mal so. Da geht es nicht um Haustiere und Armut, sondern um Menschen, die ihren eigenen Weg gehen wollen und auch können. Aber damit ist noch nicht Schluss. Herr Zierke findet nämlich auch, dass es schwierig ist Singles in die Gesellschaft zu integrieren. Entschuldigung, aber waren Singles jemals nicht in der Gesellschaft? Betrachten wir Singles heute als diese komischen Kinder mit denen keiner spielen will? Ich bitte Sie.

Zum Glück gibt es ja Singlereisen, die helfen den asozialen, einsamen, armen Singles, eine Definition, die ich gerade neu gelernt habe, bestimmt eine andere Kontaktperson, als ihren Hamster zu Hause zu finden. Der Markt der Singlereisen boomt, aber ich verstehe es immernoch nicht. Wollen Singles wirklich in einem Bus sitzen und als Singles rumgekarrt werden? Brauchen sie eine besondere Behandlung? Und warum zur Hölle reden wir von ihnen eigentlich, als seien sie anders? Ich verstehe es nicht. Sind Singles in der Gesellschaft heutzutage Menschen, auf die man den Finger zeigt? „Iiiih, guck mal, ein Single!“ Ist das so? Entschuldigung, aber da leben entweder Herr Zierke oder ich in einer anderen Welt. Ich glaube allerdings eher Herr Zierke, denn meine Welt gefiel mir bisher genauso wie sie ist: Singles in der Gesellschaft genießen ihr Leben genauso wie Paare. Manchmal vielleicht sogar noch ein bisschen mehr? Man weiß es nicht.

Eins ist allerdings klar: ich habe Singles noch nie anders behandelt, als anderen Menschen und werde es auch nie tun und möchte es auch nie werden, sollte ich mal wieder Single sein. Und noch eins: Singlesein ist kein Makel, kein bestimmtes Verhalten, keine Besonderheit… Es ist eine Entwicklung in der Gesellschaft, die mindestens genauso normal ist, wie die Multikulturalität von Berlin oder die Schräge vom Turm von Pisa. Vielen Dank für 2,5 Stunden voller Gülle. Ich habe etwas Wichtiges dazugelernt: Es gibt Menschen, die es einfach hinbekommen über unglaublichen Mist zu diskutieren ohne auch nur ansatzweise mit etwas fungiertem um die Ecke zu kommen. Meine Fresse.

 

11 Kommentare

  1. Gut, dass ich jetzt weiß wie erbärmlich und armselig mein Single-Dasein eigentlich ist. :D
    Einfach nur lächerlich, welche Einstellung manche Menschen an den Tag bringen. Da fragt man sich, ob die eigentlich in der selben Welt leben wie man selber. Wie schafft man es mit einer solchen Haltung zum Politiker? Haustiere als Ersatz für Menschen, ich könnte mich kringeln vor Lachen. Wir Singles sind alles verrückte Katzenladies und Freaks, die eigentlich ja gar kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft sind. Ein ganzes werden wir erst mit dem passenden Gegenstück, ist doch logisch. Nein mal im Ernst, sind diese Ansichten aus dem 15 Jahrhundert? Obwohl, selbst da waren die Menschen wohl schon fortgeschrittener in ihrer Denkweise….

    Danke Anne für den interessanten Einblick in ein Single Symposium!
    Liebe Grüße, Julia

  2. Als bekennender Hamsterhalter UND Single bin ich entrüstet über den Satz „Zum Glück gibt es ja Singlereisen, die helfen den asozialen, einsamen, armen Singles, eine Definition, die ich gerade neu gelernt habe, bestimmt eine andere Kontaktperson, als ihren Hamster zu Hause zu finden.“ ;-)

    1. Naja, vielleicht sind die Menschen bei den Singereisen ja so kulant, dass der Hamster auch mit ins Zimmer darf. Schließlich ist das ja sehr wichtig, dass man die Nähe zum Haustier pflegt. Gerade als Single.

  3. Ich bin eigentlich ein glücklicher Single, muss allerdings jetzt mal über mein Leben nachdenken. Ich bin nicht Arm(leider auch nicht reich, aber glücklich), ich bin nicht Einsam, ich habe keine Haustiere, ich mache keinen Singleurlaub..Hilfe ich bin kein normaler Single.. sollten vll alle Singles beschließen in eine WG mit anderen Singles zu ziehen, würde zumindest das Wohnungsproblem lösen und wenn der Schuh passt, ist auch das Single dasein beenden. Armes Deutschland, wenn Politiker ernsthaft über solche Probleme sprechen statt etwas zu bewegen… Danke für deinen Artikel

  4. Lea sagt: Vielen Dank liebe Anne für den Artikel!
    Ich habe mich schon oft gefragt, wann es beim Einkaufen Single-Preise und -Artikel gibt. Schliesslich ist ein Einpersonenhaushalt nicht gerade billig.
    Weiter denke ich, wir leben in einer Zeit, wo Frau selbstständig und unabhängig lebe kann und sich ihr Leben so gestalten kann wie es für sie stimmt. Einige Leute haben das wohl noch nicht begriffen.

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