Liebe Christine,

heute bin ich zufällig auf deinen Blog gestoßen und habe eine zeitlang gelesen. Alles mögliche habe ich angeklickt und gelesen und es hat mir viel Spaß bereitet. Ich habe total Fernweh bekommen, dein Team kennen gelernt (wie schön fände ich es, wenn jemand so nette und ehrliche Zeilen mal über mich schreiben würde…) und mir gewünscht, ich könnte auch dazu gehören. Ich versuchte, mir vorzustellen, worüber ich denn wohl am besten schreiben könnte. Und dabei musste ich feststellen, dass ich in meinem Leben gar keine Zeit dazu habe, mir über irgend etwas anderes Gedanken zu machen, als über meine Familie und meine Arbeit. Lange Rede, kurzer Sinn: Als ich also deinen Blog las, machte ich mir auch Gedanken darüber, was ich tun würde, wenn ich wollte, wie ich könnte (So wie du. Wenn ich das mal ein bisschen verklärt hinstellen darf :-)). Wahrscheinlich interessiert es dich gar nicht, was ich dazu zu sagen habe. Aber ich schicke dir trotzdem, was ich dazu geschrieben habe. Auch wenn es doch irgendwie sehr persönlich ist und ich das Gefühl habe, ich „entblöße“ mich vor jemandem, den ich gar nicht kenne. Aber ich mache es trotzdem. Denn ich mag, wie du die Dinge siehst. Und vielleicht weißt du hinterher ein bisschen mehr zu schätzen, was du an dem hast, was du tust, weil du es gern tust. Und weil du (anscheinend) kannst, wie du willst.

Kornfeld

Vielleicht hälst du mich für total bescheuert. Wenn das so ist, dann würde ich dich bitten, das einfach für dich zu behalten. Deine Gedanken zu meiner Mail und meinem Text und mir. Und diese Mail einfach zu löschen. Denn um dir das hier zu schicken, brauchte ich ein Stückchen Mut. Und ich möchte nicht, dass sich jemand über mich lustig macht oder jemand, der mich nicht wirklich kennt, sich ein Urteil über mich erlaubt aufgrund eines Textes…

Also, los geht´s.
Alles Gute für dich!

Wenn ich könnte wie ich wollte…

…würde ich sofort in den Urlaub fahren, ans Meer, dahin, wo es schön warm ist. Und zwar nicht Urlaub für eine Woche, höchstens zwei, so wie in den letzten 15 Jahren. Sondern mal richtig Urlaub. So vier Wochen (nicht lachen, das finde ich schon echt viel!). Oder am liebsten noch länger. Damit ich mich erholen kann. Damit ich das Land kennen lernen kann. Und die Leute dort, ihre Kultur, ihr Leben. Damit meine Kinder (jawohl, ich würde tatsächlich meine drei Kinder mit nehmen… auch wenn der Gedanke mich etwas frösteln lässt, denn richtig Erholung werde ich dann wohl doch nicht bekommen…) mal ein anderes Leben kennen lernen und ihren Horizont erweitern können. Ich erinnere mich an eine Reise nach Südafrika, die mein Vater mit mir und meinen Geschwistern gemacht hat, da war ich acht Jahre alt. Diese Reise zählt zu meinen schönsten Erinnerungen. So eine Erinnerung will ich auch meinen Kindern schenken. Am besten nicht nur von einer Reise, sondern von unzähligen Reisen und Abenteuern.

Meinen Mann würde ich natürlich auch mitnehmen in diesen tollen Urlaub, damit er seine Fernsucht stillen kann und mal wieder richtig glücklich und ausgeglichen ist. Und ich bin das dann ja vielleicht auch mal wieder.

… würde ich ein Buch schreiben. Ein richtig tolles. Eins, was den Leser nicht mehr los lässt, wunderbare Bilder hervorruft, eine großartige, spannende, geniale Geschichte erzählt. Ein Buch, das glücklich macht eben.

… würde ich mich nur noch total gesund ernähren, damit ich möglichst alt werde. Damit ich möglichst lange für meinen ältesten Sohn da sein kann. Falls er mich auch noch braucht, wenn er mal groß ist. Denn er hat das Down Syndrom. Da kann es also gut sein, dass er mich auch noch braucht, wenn er mal groß ist. Und damit ich immer für meinen Mann sorgen kann. Denn er hat Diabetes Typ 1 – und vielleicht benötigt er früher mehr Hilfe, als jemand, der kein Diabetes Typ 1 hat – und außerdem ist er im Verhältnis zu mir gesehen schon ein alter Knacker ;-). Ach ja, Sport machen würde ich dann auch, in gesundem Maß. Gehört ja dazu, wenn man lange fit bleiben will. Oder reicht jeden Tag ein Schnaps? So was liest man ja von Leuten, die über hundert geworden sind. Die haben einfach jeden Tag ein Schnäpschen genossen. Vielleicht tötet das alle Bakterien und Viren ab und verhilft so zu einem gesunden Leben? Wer weiß…

… würde ich nur noch das machen, wozu ich Lust habe. Obwohl. Wenn ich mal kurz drüber nachdenke, wäre das vielleicht doch keine so gute Idee. Denn wahrscheinlich wären meine Kinder innerhalb weniger Tage verwahrlost. Denn ich muss ganz ehrlich sagen, ich hab echt nie Lust, ihnen die Zähne zu putzen. Oder sie dazu zu zwingen, sich morgens anzuziehen und nicht den ganzen Tag im Schlafanzug rum zu laufen. Ich hab auch echt nie Lust, ihnen den kleinen süßen Popo abzuputzen. Wenn sie gerade einen „riesen Klumpen und noch einen kleinen“, wie meine Tochter zu
sagen pflegt, gemacht haben. Oder wenn die ganze Sache nicht ins Klo, sondern in die Unterhose gegangen ist. Dann habe ich wirklich nie Lust dazu, ihnen den Popo säubern. Und die verschmutze Wäsche zu waschen. Ich würde auch nicht mehr einkaufen gehen, zumindest keinen großen Wocheneinkauf mehr. Denn das macht echt keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn man am Ende an der Kasse steht, erst denkt „Meine Güte, wer hat mir das alles in den Wagen gelegt?“ und als nächstes „Meine Güte, wer soll das bezahlen?“.

Ok, ich nehme das mit dem ich würde nur noch machen, wozu ich Lust habe, zurück. Ich bin mir gerade beim Schreiben wieder mal der Verantwortung bewusst geworden, die ich nicht nur für mich trage, sondern auch für meine Familie. Und natürlich auch für meine Umwelt. Für die Menschen ebenso wie für Natur und Tiere. Einfach alles. Anscheinend habe ich so viel Verantwortung, dass ich mir echt gut überlegen muss, was ich machen kann und was nicht… Oh je, das kann einem ganz schön den Abend verhageln. Einfach nicht länger drüber nachdenken und das Leben weiter leben. Und mein Bestes geben…

Das ist eigentlich schon alles, was mir zu wenn ich könnte wie ich wollte einfällt. Denn ich habe einfach nicht die Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, was ich alles machen würde, wenn ich könnte, wie ich wollte. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt zu leben. Und meine Familie zu
versorgen, in jeder Hinsicht. Wenn ich mal einen Tag frei habe, mache ich nicht das, was ich wirklich toll finde. Ehrlich gesagt, weiß ich schon gar nicht mehr genau, was ich wirklich toll finde. Ich habe einfach keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen.

Wenn ich also mal einen Tag frei habe, versuche ich, möglichst viel von den Sachen zu machen, die mit drei Kindern wirklich keinen Spaß machen. So etwas wie alleine in den Supermarkt fahren und den Wocheneinkauf zu machen. Oder lernen für meine Weiterbildung, die ich im Nachhinein gesehen anscheinend angefangen habe, als ich nicht ganz Herr meiner Sinne war. Oder wichtige Anrufe tätigen. Oder Unkraut jäten. Oder am helllichten Tag joggen gehen und nicht wie sonst morgens um kurz vor sechs. Manchmal (selten) setze ich mich aber auch hin und lese ein gutes Buch. Ganz für mich. Das ist dann wie Urlaub. Halt nur nicht wie vier Wochen Urlaub.

Sondern wie immer. Viel zu kurz. Und nie bis zum Ende.


Tabea_Foto

Zwei Seiten schlummern in Tabea. Die eine ist Frau und Mama, die versucht, eine fünfköpfige Familie zu managen, „nebenbei“ noch arbeitet und versucht, jede Katastrophe so zu nehmen wie sie kommt und zum Guten zu wenden. Mit wenig Zeit für sich selbst, aber mit drei besonders besonderen Kindern (eins mit Down Syndrom und dazu noch Zwillinge) und einem großartigen Ehemann hat sie oft das Gefühl, am Rande des Wahnsinns zu balancieren.
Die andere Tabea ist einfach nur Tabea, gesellig und auch gern allein. Ruhig und gelassen, interessiert daran, wie die Welt funktioniert und neugierig darauf neues zu entdecken, zu erkunden und zu erfahren. Deswegen bleibt sie nie stehen und probiert immer etwas Neues aus. Von Hotelfachfrau zum Studium Deutsch als Fremdsprache und Germanistik, zum Fußballverein Arminia Bielefeld als Volontärin im Pressebereich, zur Marketingassistentin in einem Maschinenbauunternehmen und dann in einer Physiotherapiepraxis, nicht zu vergessen die kleinen Zwischenstationen als Lehrerin an einer Hauptschule … Zur Zeit macht sie nebenberuflich eine Weiterbildung zur Gesundheitsmanagerin. Wer weiß, was danach kommt.

6 Kommentare

  1. Liebe Tabea. was für ein wunderbarer Brief! Wer weiß, vieleicht wird dein Traum einmal wahr? Nur nicht aufgeben! In Asien habe ich einige Familien getroffen, die für mehrere Monate durch die Lande gezogen sind, ist nicht besonders teuer. Manche sogar für 2 Jahre, die dann ihre Kinder selber unterrichtet haben. Ich drück dir die Daumen!
    Lieben Gruß Doris

  2. Hallo Tabea,

    wirklich Respekt und Hut ab vor deinem Alltag. Beim Lesen hatte ich richtig Gänsehaut, denn ich kann mir nicht vorstellen das zu meistern, das du jeden Tag erlebst. Wenn ich so etwas lese, wird mir wieder bewusst, wie gut mein Leben doch ist. Wahrscheinlich ist es ein Lernprozess, dass auch zu schätzen zu wissen.

    Kürzlich wurde mir zum so richtig abschalten die Insel Spiekeroog empfohlen von einem Kollegen, der vor einigen Jahren nach hoher familiärer Belastung kurz davor war richtig ausgebrannt zu sein. Vielleicht ist das ein erster Schritt, deinen Traum von Urlaub zu erfüllen.

    Drücke dir die Daumen.
    Viele Grüße, Silke

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