Anja schreibt heute und hier einen ganz besonderen Liebesbrief an einen Ort, der für viele fast schon in Vergessenheit geraten ist:

Ich durfte mir heute eine Farbe von Dir wünschen. Ich war baff, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Machen wir uns nichts vor, Du bist schlau, du siehst gut aus, aber Du bist nun mal eine Stadtbibliothek. Dass Du so an meinen Wünschen interessiert bist, das konnte niemand ahnen.

Mein neuer Bibliotheksausweis ist blau und „ick freu ma wie Bolle“ über unsere blutjunge Bekanntschaft. Wer weiß, vielleicht wird ja mehr daraus. Jetzt gucken wir erst mal einen Monat lang, wie es so mit uns läuft und dann… ach, was soll’s, ich sag’s frei heraus: Ich bin schon jetzt total verknallt in Dich. Ich werde nur noch flott diesen Text schreiben und dann düse ich wieder in Deine Arme.

Ich hoffe, ich bringe Dich nicht in Verlegenheit mit meiner forschen Art. Nicht, dass ich Dich noch verschrecke. Ich glaube nämlich, Du bist schüchtern. So geduckt wie Du hinter den Wohnblöcken stehst, so in der zweiten Reihe der Frankfurter Allee. Einfach charmant diese Zurückhaltung. Du genießt die erhabene Ruhe, nicht wahr?

In Bibliotheken fühlt man sich wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos, unberechenbare Zinsen spendet. Johann Wolfgang von Goethe, Alleskönner

Und dann siehst Du soooo gut aus. Oulala! Man könnte meinen, Du hast Dich für mich hübsch gemacht. Dabei konntest Du doch gar nicht wissen, dass wir uns heute treffen. Für eine Sekunde weiß ich nicht, wo ich vor Aufregung hingucken soll. Dieser schimmernde Anzug aus Holzlamellen sitzt einfach perfekt.

Fast wie ein Buch blätterst Du Deine Seiten vor mir auf. Schlicht und elegant, das mag ich. Du stehst vor mir wie ein Naturbursche, lächelst einladend und strahlst irgendwie so vor Seelenfrieden. Meine Güte, bist Du schön. Und dann heißt Du auch noch Pablo Neruda, wie der chilenische Dichter, dessen hungrige Augen und saftige Sprache ich so schätze.

Wörterbuch. Kornspeicher der Sprache.  Pablo Neruda

Du sammelst das Wissen der Welt in Deinem Magen und wirkst dabei nicht rund. Deine Geschichte reicht zurück bis zu den Ägyptern und Ihren Papyrusrollen, aber alt bist Du nicht. Wie machst Du das nur?

Ich kann bei Dir überall ins Internet und Sprachen bringst Du mir auch am Computer bei. Russisch, Französisch, Arabisch, Deine Buchrücken sprechen Bände. Sie haben so eingebaute Chips, die Armen. Wenn ich sie Dir auf diesen Glasautomaten lege, erkennst Du von selbst, was ich lesen will. Das grenzt an Telepathie! Wirklich magisch. Nur der Rückgabeschlund macht mir Angst. Der schluckt die Bücher so gierig, dass ich mir wirklich Sorgen mache, was danach mit ihnen passiert.

Einer der Hauptnachteile mancher Bücher ist die zu große Entfernung zwischen Titel- und Rückseite. Robert Lembke, Journalist

Wenn Du mal allein sein musst und Deine Türen geschlossen sind, kann ich Ebooks laden und Epaper lesen oder auf dem Computer Reisevideos und Dokumentationen ansehen, bis ich vergessen habe, dass Du heute nicht auf mich wartest. Außerdem bist Du auf Facebook, das hilft auch ein bisschen, wenn wir uns nicht sehen. So kann ich nachlesen, was Dir durch den Kopf geht, was Du so treibst und muss dabei immer schmunzeln, weil Du irgendwie witzig bist.

Du hast mächtig viel zu bieten. Unmengen an Zeitungen und Zeitschriften sind bei Dir Zuhause. 300.000 Bücher kann ich mir ausleihen, so reich bist Du. Damit nicht genug. Wenn ich zu Deinen Brüdern und Schwestern fahre oder bei Onkeln und Tanten bestelle, vervielfacht sich diese Zahl. Dafür muss eine Anja lange lesen.

Das Lesen von guten Büchern ist wie eine Unterhaltung mit den besten Menschen vergangener Jahre. René Descartes (1596 – 1650)

Reiseführer, Spiegel-Bestseller, die dicksten Lehrbücher: Dir fehlt es an nichts. Du weißt schon jetzt, dass Du mich lange bei der Stange halten wirst, Du Fuchs. Wahrscheinlich reibst Du Dir vor Freude die Hände, denn schon am ersten Tag habe ich mein Ausleih-Pensum ausgeschöpft.* Deine Bücher sind wie das T-Shirt, dass mir mein Freund gegeben hat, bevor er zurück nach Brüssel gefahren ist. Ein Stück von Dir.

Haben macht nur Sinn, wenn man teilt

Und Du hast Dir noch was gegen Langeweile ausgedacht, Du Schnuckelchen. Wenn die Wände zu weiß sind, um sie lange anzustarren, kann ich mir in Deiner Artothek Kunstwerke ausleihen und meine Bude damit aufhübschen. Wahnsinn!

Als wäre das nicht genug, bist Du obendrein sozial wie ein Schwarm Bienen. Du bringst Kindern das Lesen bei und schenkst Deinen dreijährigen Besuchern das tolle Bilderbuch Henriette Bimmelbahn von James Krüss. Das ist siebzehn mal besser als das Euro-Starterkit.

Auch den Möbelpackern sind Menschen, die Bücher lesen, zuwider. Aber sie haben wenigstens einen guten Grund dafür. Gabriel Laub, Journalist

Wie eine Omi liest Du den Lütten Ihr Lieblingsbücher vor, manchmal sogar auf Spanisch. Du organisierst einen Lesezirkel für Leute mit Handicap. Selbst an Menschen mit Leseschwäche oder Deutsch Lernende hast Du gedacht und eine Abteilung mit Büchern in einfacher Sprache eingerichtet. Du lässt den Funken überspringen und die Worte nachklingen. Du nimmst mir den Atem. Du bist ein Kleinod in dieser großen Stadt, die so viel Beton und so wenig Manieren hat. Danke für das kleine große Glück, dass Du uns schenkst. Ohne Dich wäre alles sehr laut.

In treuer Verbundenheit

Deine Papiertigerin

* Bei einer befristeten Mitgliedschaft können bis zu zehn Medien ausgeliehen werden. Bei einer Jahresmitgliedschaft sind es 60.

5 Kommentare

  1. Danke, so eine Hommage habe ich in den vielen Jahren als Mitarbeiterin der Stadtbibliothek noch nicht erlebt. Habe immer noch Pipi in den Augen .

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