Tobi hat mein Konzept völlig durcheinander gebracht. Wir wollten uns eigentlich um 16 Uhr im Café List treffen, meiner Basis, einem der Orte, an dem sich mein neues Projekt „Sprechstunde“ abspielen soll. Ich bin lang genug durch die Welt gereist. Ich brauche mal wieder ein bisschen Realität, menschliche Nähe, den Alltag und keinen schneeweißen Strand, der alles wegblendet. Deswegen setze ich mich in Cafés und rede mit wildfremden Menschen über Gott und die Welt und vor allem das Leben, denn das schreibt die schönsten Geschichten. Um den ganzen ein bisschen einen Rahmen zu geben, beschränke ich jedes Gespräch auf 45 Minuten und liefere ein paar Fakten mit.

Sprechstunde-Tobu

1. Name: Tobi, Alter und Beruf bleiben anonym
2.Wie kam die Person zu mir: Julia, die Besitzerin des Café List, hat ein paar ihrer Gäste angesprochen, ob sie nicht Lust auf meine „Sprechstunde“ hätten. Bei Tobi dachte sie sich, dass ist ein verrückter, gesprächiger Typ, das passt.
3.Was trinkt die Person: Ein Glas Wein mit weißem Pulver
20 Minuten vor 16 Uhr ruft mich Tobi an und berichtet mir am Telefon, dass er die Wohnung nicht verlassen kann, wegen der Katze seiner Freundin, die humpelt. What? Eine humpelnde Katze? Ich habe schon Angst, dass ich ganz umsonst den weiten Weg von Friedrichshain nach Neukölln auf mich genommen habe und Tobi mir absagt, aber dann bietet er mir an, dass ich zu ihm in die Wohnung kommen kann. Ich stutze. Man merkt, dass mein Projekt 90 Nächte, 90 Betten schon drei Jahre her ist. Mein bedingungsloses Vertrauen in die Menschheit, das ich damals hatte, humpelt auch ein bisschen, wie die Katze. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, zu einem wildfremden Mann in die Wohnung zu gehen. Aber ich will mich jetzt unterhalten, ich will meine „Sprechstunde“ und er hat von seiner Freundin am Telefon erzählt und irgendwie beruhigt mich das. Also wende ich den Plan an, den ich schon während meiner 90 Nächte angewendet habe, ich schreibe einer Freundin kurz eine SMS: „Bin in der XY Straße, Hausnummer XY. Wenn ich mich in einer Stunde nicht gemeldet habe, mach dir Sorgen!“
Tobi wohnt unter dem Dach. Es ist für mich jedes Mal eine körperliche Herausforderung, bis in den fünften Stock hochzulaufen. Mein Körper ist einfach nicht für das Treppensteigen geschaffen. Oben angekommen, begrüßt mich Tobi. Er trägt eine Jeans und einen schwarzen Rollkragenpullover. Er hält mir die Tür auf, ich gehe rein und ziehe meine Schuhe aus. Dann stehe ich mitten in einer wunderschönen Dachgeschosswohnung mit großer Fensterfront. An der Wand hängen viele Bilderrahmen, auf dem Wohnzimmertisch steht ein Glas Weißwein. Ich nehme gar nicht so viel wahr. Ich bin ehrlich gesagt sehr aufgeregt, wie immer beim Ersten Mal.

„Hey, ja cool, dass du da bist. Also ich habe keine Ahnung was du vor hast, ich wollte eigentlich gar nicht bei so einem Hipsterscheiss mitmachen, aber meine Freundin meinte, ich soll das mal machen und wir quatschen einfach ein bisschen.“ Tobi redet schnell und leise. Ich bin erstaunt, dass „miteinander reden“ schon als Hipsterscheiss abgestempelt wird. Er bietet mir ein Wasser aus dem Sodamax an, ich ziehe meine Jacke aus und setze mich auf das graue Velourledersofa unter die Fensterfront.
Die Katze, die bis jetzt regungslos in der Ecke lag, springt auf und kommt auf mich zu, um sich an meine Beinen zu schmiegen. „Das ist also die arme Katze?“, frage ich Tobi. „Könntest du ein bisschen leiser reden, ich bin sehr empfindlich.“, bittet er mich mit leidender Miene. Ok. Bin ich so laut? Ist mir noch nie aufgefallen. Ich versuche leiser zu reden, aber Tobi muss mich noch dreimal bitten, bis ich es endlich raffe. Ich schaue mich um in der Wohnung, verliere den Faden, höre kurz nicht zu und als ich wieder einsteige ins Gespräch sind wir plötzlich bei GZSZ und Berlin Tag und Nacht. Also Tobi ist bei den Themen. Ich höre nur zu und staune. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so gute Monologe führen kann. Er springt von den krassen Einschaltquoten von Berlin Tag und Nacht zu seinem Exchef, der schwul war und ihn ständig angegraben hat, zu Jo Gerner aus GZSZ, mit dem die Serie steht und fällt und fragt sich zwischendurch noch, wie Eltern so dumm sein können und ihre Kinder Jason oder Crony nennen können. Vor allem Crony, da weiß man doch schon, was da nachts für Filmchen geschaut werden. Das liest sich jetzt alles sehr wirr? Das war auch alles sehr wirr.
Endlich schalte ich mich auch dazu und stelle die ersten Fragen:
„Warst du nach Soaps süchtig?“
Sucht ja, das wird mein heutiges Thema, beschließe ich intuitiv.
„Ja, ich bin ein Genussmensch. Ich habe mir damals an einem Samstag alle Folgen GZSZ angeschaut mit kiffen und so“. Er setzt zu einem neuen Monolog an, stoppt jedoch nach drei Sätzen und fragt mich, ob ich etwas dagegen habe, wenn er kurz verschwindet um eine Line zu ziehen.
Ich schaue ihn an. Es rattert kurz in meinem Kopf. Man hat ja schon auf alle möglichen Fragen eine Antwort parat: Stört es dich, wenn ich kurz das Fenster aufmache? – Nein, natürlich nicht. Stört es dich, wenn ich kurz eine rauchen gehe? – Mach ruhig. Stört es dich, wenn ich kurz eine Line ziehe? – Kein Problem. Feel free. Tobi verschwindet kurz, kommt dann mit einem silbernen Teller, auf dem ein weißes Pulverhaufen liegt, zurück und setzt sich zu mir auf das Sofa. Es ist das erste Mal, dass er sitzt. Die ganze Zeit stand er vor mir und wirkte angespannt. Jetzt sitzt er endlich einmal ganz ruhig neben mir, präpariert sein Pülverchen und ich weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll. Darf man jemanden genau beobachten, wenn er sich eine Line zieht? Das würde mich ja schon interessieren. Oder schaut man lieber dezent weg, wie man es macht, wenn man als Frau das Männerklo benutzt und vor dem Pissoir jemand steht. Da glotz ich ja auch nicht direkt auf den Penis.
Das Pulver löst einiges auf. Anspannung. Nervösität, einen neuen Redefluss. Tobi erzählt mir von seinem stressigen Tag, dem Streit mit seiner Freundin, dem MDMA, das sie für das Wochenende besorgt haben, von dem die Freundin schon gestern etwas nehmen wollte und wenn sie was nimmt, dann kann er auch nicht nein sagen und es ist ein Teufelskreislauf. „Wenn man feiern geht, alles geil, aber doch nicht wenn man zu Hause bleibt.“ Die Katze hätte auch alleine bleiben können, erzählt mir Tobi, aber er ist heute schon zu paranoid und kann das Haus nicht verlassen. Früher haben sie nur was genommen, wenn sie auf Partys gegangen sind. Jetzt nehmen sie es auch zum Tatort. Ich stelle mir vor wie sie auf Koks Mau Mau spielen und finde den Gedanken sehr witzig. Ich glaube ich wäre sogar gerne mal dabei. Aber ich glaube, genau so, wie man nicht auf fremde Penisse im Herrenklo schaut, macht man auch da keine Witze darüber. „Koks ist das Schlimmste.“, setzte Tobi an. „Man kann es nicht einfach liegen lassen. Es ist leicht wieder aufzuhören, es darf nur nicht in der Nähe sein. Einmal im Monat ist ok. Aber nur einmal.“ Er schaut aus dem Fenster. Der Himmel ist grau, es regnet auf die schräge Fensterfront. Ich sitze da, nicke, schreibe irgendwas in mein Notizbuch, bin leer im Kopf und höre einfach zu.
Tobis Telefon klingelt, er erklärt einem Freund den Weg zu seiner Wohnung, ich verabschiede mich und gehe. 45 Minuten sind rum. Als ich die Tür hinter mir zufallen höre und wieder auf der Hermannstraße in Neukölln stehe, muss ich anfangen zu lachen. Richtig laut, und alle, die mir entgegen kommen, schauen mich komisch an. Kennt ihr diese Momente, in denen ihr unmögliche Sachen erlebt, von denen ihr denkt, dass sie euch eh keiner glaubt? Als hättet ihr eine Tür geöffnet und wärt direkt in eine Filmszene rein gerutscht? Genau so fühlte ich mich gerade. Na das kann ja was werden. Liebe Leser und Leserinnen, herzlich willkommen bei meinem neues Projekt – der Sprechstunde. Ihr dürft euch noch auf so einiges freuen!

44 Kommentare

  1. Hey, Christine. :)
    Du solltest dir mal einen günstigen, mobilen Recorder (z.B. von Zoom oder Tascam) zulegen und die Gespräche aufzeichnen. Die könntest du dann als Podcasts auf Soundcloud laden und auf deiner Seite und/oder auf Facebook einbinden. Das wär doch mal ne Idee? ;D

  2. Oja. Das kenne ich. Man ist mitten in einer Situation und alles kommt einem sehr unwirklich vor und wenn man aus dieser Situation raus ist, gibt es einen Lachflash.
    Selbst erlebt, als ich z. Bsp. vor vielen Jahren Single und auf der Suche nach einem neuen Partner war. Man denkt ja immer, dass passiert einem nicht selbst. Ich hatte mehrere Blind Dates und es ist, bis auf eines immer gut gegangen. Bis auf einen Typen getroffen bin, der mir beim ersten Date derart penetrant an die Wäsche wollte, das war schon nicht mehr feierlich. Ich konnte mich Gott sei Dank schnell ins Auto verdrücken. So nach dem Motto „Hey Baby, Du willst es doch auch.“ Ich habe damals unverschämtes Glück gehabt und bin mit quietschen Reifen davon gefahren.
    Als ich außer Reichweite des Typen war, musste ich so dermaßen lachen. Ich glaube, da ist die ganze Angst, die ich hatte von mir abgefallen und ich dachte mir:“ Wie blöd bist Du eigentlich, dass Du Dich so einer Gefahr aussetzt.“ Ich sag nur: NIE WIEDER!!
    Ich finde Dein Projekt toll und freue mich auf viele interessante Geschichten. ;-)
    Liebe Grüße

  3. Hallo Christine,

    jetzt mal unabhängig von der Geschichte. Wie hält deine Mutter das bitte schön aus? Ich muss unweigerlich an sie denken, wenn sie erfahren muss in welche Situationen ihre Tochter rein rutscht. Da wird doch einer bzw. deiner Mutter Angst und Bange.

    Davon mal abgesehen möchte ich Tobi nicht automatisch in die falsche Schublade stecken, aber der falsche Kerl und die eine Stunde abwarten hilft dann vllt. auch mal nicht mehr.

  4. Man weiß nie, was sich hinter der nächsten Tür befindet ;-) bin aber auf deine neuen Geschichten gespannt! Viel Spaß und Erfolg dabei!!! LG Lena

  5. Hey find es irgendwie witzig wie du so überrascht bist besonders in Berlin aber ein sehr interessanter Einstieg! Freu mich auf die nächsten Geschichten! Greetz

  6. Ein unglaublicher Einstieg in dein neues Projekt, ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie du dich gefühlt hast. Wenn die Anspannung von einem abfällt und man glaubt zu träumen, kann man sich durch Lachen gut befreien. Erst im Nachhinein wird einem bewusst, das es tatsächlich passiert ist.

    Ich bin regelrecht in deiner Erzählung versunken und habe alles um mich herum vergessen. Gerne mehr davon, auch wenn ich dich sehr mutig finde. Ich wäre, glaube ich, nicht zu ihm in die Wohnung gegangen. Wünsche dir weiterhin viel Erfolg bei deinem Projekt und das nötige Quentchen Glück auch.

  7. find ich gar nicht interessant und auch gar nicht so toll, dieses projekt. eher oberflächlich.
    aber das ist nur meine meinung.
    anderen scheint es zu gefallen.

    dir weiter viel spaß.

  8. Tiefgründiger…wäre zum Beispiel, wenn du, nachdem du im Lauf des ‚Gesprächs‘ intuitiv entscheidest, dass Sucht dein heutiges Thema ist, auch darauf eingehen würdest. Machst du aber nicht. Du gibst ein paar von Tobi s Aussagen wieder, schilderst deine Eindrücke, aber dann hört es auch schon auf.. Dass du die Vorstellung von Leuten, die auf Koks Mau-Mau spielen, witzig findest, ist ja toll, aber scheinbar auch das einzig erwähnenswerte, was die Drogen-komponente dieses Treffens bei dir auslöst…ach ja, und ein Nicken und dass man keine Witze macht.
    Zu deinem kontroversen Vergleich von Lines-ziehen und Penis-betrachtung auf Herrenklos fällt mir leider nicht viel ein.
    Du erwähnst ja, dass es halt mehr ein Monolog als ein Gepräch ist, doch was du von deinen Gedanken während eben diesem preisgibst, ist halt oberflächlich, oder du hast gar keine relevanten!?

    naja für Bild- und RTL-publikum wird s schon reichen.

    weiterhin viel Erfolg.

  9. Also nein, das ist ja voll heftig. Da hast Du ja was ganz schön Krasses erlebt. Meine Güte, was ist Berlin doch für eine schlimme Stadt. Also, echt mal. Das ist ja voll oberassi. Ne, ne, ne… Da will ich nie hin. Wie hältst Du es in dieser schlimmen Stadt nur aus?

  10. Der Rainer hat voll keine Ahnung. Der kann nicht mal Rechtschreibung.
    Finde die Sprechstunde voll supi :-)))
    Allein der Tobi schon, voll der Psycho-freak. Was du dir so traust, ist
    total toll, bitte mehr davon. Bin schon ganz gespannt <3

    deine Tini.

  11. Darf man über Möchtegern-Hipster lachen? Und muss es wirklich sein, dass jeder einen Blog schreben darf, auf dem dieser seine… naja, äh… Gedanken öffentlich kundtun darf? Wie dem auch sei, ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg bei Deinen abgefahrenen, voll kreativen und krass gefährlichen Projekten.

    1. Ich habe nie gesagt, dass es gefährlich ist, nur, dass ich mich nicht ganz wohl gefühlt habe. Kannst du als Mann sicher nicht nachvollziehen…

  12. Ach Christine, ich bin froh, dass du noch so auf Situationen reagierst, wie du es hier beschreibst.
    Selbst wenn einem so etwas häufiger passiert, ist es doch schade, wenn man abstumpft und sich kaum noch Gedanken darüber macht, oder wenigstens ein bisschen wundert. Ich finde das Projekt spannend und schön und hoffe es macht dir weiterhin viel Spaß :)
    Ach ja und pass‘ immer schön auf dich auf :)

  13. Liebe Lillibrain,

    eine Frage hätte ich dann doch: wie viele Lektoren hast Du eigentlich schon in den Selbstmord getrieben? Wie lebst Du mit der Schuld?

    Mit bestem Gruß!

    Arne

  14. Hi Christine,
    ich finde das Projekt mega interessant. Zumindest Idee dahinter. Aber was ist die Message vom Ganzen, zumindest so wie Du den Einstieg gestaltet hast? Fand es schade, das Tobi selbst nicht wirklich zu Wort kam und du nur die Themen seines „Monologs“ beschrieben hast, nicht jedoch den Inhalt. Da kann so viel draus werden! Dein Schreibstil ist toll, das ist der Grund warum ich ab und an mal auf deinem Blog mitlese.

    Aber geh doch mal beim naechsten Mal ein bisschen mehr ins Detail. Wuerd mich drueber freuen.

    Uebriegens, Tobi hat sicher nicht Quatschen an sich als Hipsterscheiss bezeichnet, sondern das man mit wildfremden Menschen Gespraeche ueber unbekannte Themen fuehrt, nur um sie nacher auf einem Blog zu veroeffentlichen ;)
    Und klar darf man hinschauen, wenn jemand sich ne Line zieht, zumindest wenn es in so einem intimen Rahmen wie in der Wohnung desjenigen stattfindet und du daneben hockst. Bloed waer, wenn du nem unbekannten Dealer beim Verticken zu genau auf die Finger schaust…

    gruesse aus NZ

    1. Hallihallo, ja ich denke, dass ich mich auch von Sprechstunde zu Sprechstunde weiterentwickeln werde :) Aber gleich am Anfang war alles ein bisschen viel. Ich kann jedoch versprechen, die zweite Sprechstunde hat mehr Inhalt ;)

  15. Zu Lord D.s Vorschlag ein Podcast aus einen „Sprechstunden“ zu machen, würde ich eher sein lassen. Ich bin mir sicher, dass ein Großteil deiner Gesprächspartner nicht damit einverstanden wäre, dass euer Gespräch im Internet ausgestrahlt wird und durch die zu hörende Stimme die Anonymität nicht mehr gewährt wäre!
    Ich finde auch, dass ein Bericht einer „Sprechstunde“ inhaltlich etwas ausführlicher sein sollte. Die einzige Aussage, die ich jetzt klar erkennen kann, ist dass du noch nie in so einer Situation und deshalb irritiert warst. Ein bisschen mehr Gesprächsfetzen und Inhalt wäre schön. Bin gespannt wie die nächste „Sprechstunde“ wird!
    Viele liebe Grüße, Luu

  16. Mein Posting hätte unter dem hier landen sollen:

    Torsten sagt:
    5. Februar 2014 um 18:38

    Erinnert im ersten Moment an das Sado-Maso-FFM-Pärchen aus “90 Tage – 90 Nächte”.

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