Mein erstes Mal war genau vor zwei Jahren. Saint Lucia hat mich entjungfert, was die karibischen Inseln betrifft. Damals dachte ich noch, ich bin nur so hin und weg, weil es eben mein erstes Mal in der Karibik war. Vor ein paar Monaten war ich dann auf Curaçao und mir wurde klar, da ist mehr. Jetzt auf Dominica ist es mir richtig klar geworden. Es war Liebe auf den dritten Blick – die karibischen Inseln sind voll mein Ding, aber nur diejenigen, die noch nicht vom Massentourismus überlaufen sind. Jetzt könnte der ein oder andere sagen: Insel ist doch Insel, Palmen, Strand und fertig. Nein, da irrt ihr euch. Jede ist eine kleine, besondere Perle für sich, mit ganz besonderen Orten.

Dominica

Auf Dominica habe ich ein Pärchen getroffen, das seit 26 Jahren in die Karibik fährt und ich könnte mir auch vorstellen, so zu werden, denn diese kleinen Inseln haben mein Leben verändert. Vielleicht kurz zu Erklärung, was ich gerade besonders an Dominica liebe:
Jeden Tag etwas auf dem Teller zu haben, von dem man keine Ahnung hat, was es ist, aber weiß, es kommt vom Baum nebenan. Die tausend Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe und die unterschiedlichsten Grüntöne. Musik aus jedem Haus, das Temperament der Bewohner, ein Lächeln an jeder Ecke und diese Sonnenuntergänge, die es nirgendwo so toll gibt, wie in der Karibik.

Und das schöne daran, ich bin endlich bereit es zu genießen.
Wenn ich daran zurück denke, wie ich das erste Mal drauf war, als ich in der Karibik war. Ich konnte nicht abschalten. Ich stand gerade am Anfang meines 40 Festivalprojekts und war so angespannt ob alles gut läuft, es den anderen gefällt, ich gut genug bin. Es war eine Mischung aus Selbstzweifel und dem ständigen Drang immer das Beste zu geben und es den anderen Recht zu machen. Meine Güte, habe ich mich verändert die letzten zwei Jahre. Ich bin zwar immer noch perfektionistisch veranlagt, aber ich möchte nur noch meinen Ansprüchen genügen! Ich dachte immer das ganze Leben muss einen roten Faden haben, aber muss es nicht. Auch das eigene Tun nicht. Ich kann für Spiegel Online schreiben und 10 Minuten später ein Youtubevideo drehen, wie man zu elektronischer Musik tanzt. Ich habe damit aufgehört zu versuchen Erwartungen von anderen zu erfüllen, dass tun, was „angesehen“ ist und an manchen Punkten in Leben ist es angebracht einmal zurück zu schauen, auf das Leben, was es einen gebracht hat.

Christine-Neder-Dominica

Hier in der Karibik bietet es sich gerade wunderbar an und ich muss feststellen, ich habe mich ganz schön verändert. Ich bin viel entspannter und gelassener geworden. Ich habe gelernt das Leben mehr zu leben und zu genießen, ich habe aufgehört jeden Moment an die nächsten fünf Schritte zu denken. Ich habe gecheckt im Jetzt zu leben, denn nur das zählt. Ich bin noch keine Meisterin darin, aber ich bin auf dem Weg immer besser zu werden. Und das ich so bin, habe ich ein Stück der Karibik zu verdanken und meinen Reisen dort hin, denn diese Inseln schaffen es, dass ich loslasse. Das mir für den Moment alles egal ist und ich an nichts denke. Das ich Sachen an mir selbst entdecke, die ich nicht kannte. Das ich vor Freude darüber lachen kann, wie schön das Leben ist und ich immer wieder merke, wie gut ich mit mir selbst kann, wenn ich alleine bin. Und ich freue mich darüber, dass es kein Internet in meiner Hütte gibt und ich gerade nur den Atlantik rauschen höre.

Dominica-Christine-Neder

Und die Moral aus der Geschichte? Wenn ich das gemacht hätte was mir „Anerkennung“ gebracht hätte, dann hätte ich versucht eine Festanstellung bei irgendeinem fancy Magazin zu ergattern. Dann würde ich nie hier in Dominica sitzen und euch diese Worte schreiben. Wahrscheinlich hätte ich überhaupt nie so viel von der Welt gesehen und das wäre sehr schade gewesen. Denn jede Reise verändert euer Leben, euren Charakter und eure Einstellung und hoffentlich bringt euch irgendeine bei, dass man am Ende des Lebens nur sich glücklich gemacht haben muss, sonst niemanden.

Es gab diesen einen Moment in meinem Leben. Ja, ich würde ihn Schlüsselmoment nennen. Mir wurde die Frage gestellt, was ich mal in meinem Leben erreichen möchte. Geld? War mir egal. Karriere? Auch. Gesundheit, kann man nicht erzwingen. Deswegen blieb mir eigentlich nichts anderes übrig als zu sagen – wenn ich alt bin, dann möchte ich einmal auf mein Leben zurück schauen und sagen können: Ich habe gelebt. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.

Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein, weil man oft seine Komfortzone verlassen muss, aber bis jetzt hat es sich immer gelohnt und ich glaube dieser Moment, wenn ich mir mit grauen Haaren und Rollator die Frage stelle, ob ich mein Leben gelebt habe, ich glaube, das wird ein sehr schöner Moment und ich werde sehr zufrieden sein.

Christine-Neder

5 Kommentare

  1. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen und die ein oder andere Träne hat ganz schön gedrückt :-). Ich glaube es gibt nichts besseres als diesen Schlüsselmoment zu erleben und zu wissen, was einem wichtig ist! Ich fühle da wie du…
    Doch um das zu leben, muss man definitiv die Komfortzone verlassen – vielelicht auch ein-, zwei oder auch mehrmals. Diesen Schritt versuche ich aktuell endlich mal wieder zu gehen und das, was mich bis jetzt am glücklichsten und lebendigsten hat fühlen lassen endlich mehr zu machen: Reisen und die Welt entdecken!! Ich hoffe, dass auch ich den Angsthasen in mir bald vertreiben kann. Sonnige Grüße ans andere Ende der Welt :-)

  2. Toll … Aber jeder erlangt doch diese Erkenntnis oder nicht? Und wenn nicht dann läuft doch gehörig was falsch. Und die Karibik ist nicht schuld daran, das kann man auch ohne erfahren aber in der Karibik beim Sonnenuntergang ist es natürlich tausendmal schöner übers Leben zu philosophieren als dabei auf einen Plattenbau zu starren :). … Dieser Beitrag macht dich so schön sympathisch aber es ist egal was du tust,am Ende steht immer eine frage im Raum , „was wäre wenn?“ ;) !! Hör nicht auf so zu denken und genieß weiter so wie du es jetzt tun kannst ;) …
    Und die Sonnuntergänge in der Karibik sind einzigartig aber das geht hier im Norden auch und manchmal noch besser :) !!! (Mir schmeckt der Mojito hier auch nicht so wie in Havana aus fasst sauberen Gläsern und auf fasst kaputten Stühlen ….. das Feeling halt ;) )))

  3. Hallo Christine!

    Schön so einen Text von dir zu lesen, der mehr oder weniger über einen Reisebericht hinausgeht. Ich freue mich besonders über jeden in unserer Generation, der auch klar gekommen ist, und nicht im gesellschaftlichen Hamster-Rad rennt. :-)

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