Faultiere sind besonders nett anzusehende Lebewesen, wie sie mit dem Rücken nach unten im Geäst hängen. Bekannt vor allem durch ihre sehr langsamen Bewegungen und langen Ruhepausen und durch ihr sympathisches, leicht dümmlich wirkendes Lächeln. „Slow Down“ sozusagen! Aus menschlicher Sicht ein unvorstellbares Szenario sein Leben so zu gestalten. Denn Langsamkeit ist in unserer Gesellschaft nur etwas für schwache und faule Menschen. Kein Wunder, wenn man an die Millionen Transaktionen pro Sekunde – ja ihr habt richtig gelesen – pro Sekunde denkt. Wer trödelt ist faul und gefährdet durch sein Verhalten die Arbeitswelt. Langsamkeit hat in unserer Welt nichts mehr zu suchen. Doch was hat in dieser Welt überhaupt noch einen Wert? Muße, innere Ruhe und Zeit zum Nachdenken sicherlich nicht. Vermutlich bleibt dazu in den meisten Fällen sowieso keine Zeit mehr und man befindet sich schon mittendrin: nämlich in einem Hamsterrad, das nicht aufhören will sich zu drehen. Aber ich finde, dass uns ein wenig „Slow Down“ gut tun würde. Sofern es unser Alltag überhaupt noch zulässt

Das Leben: eine rasend schnelle Achterbahnfahrt

Der Alltag des Menschen verkommt immer mehr zu einer rasend schnellen Achterbahnfahrt, die anstatt Geraden nur noch Loopings und Überschläge kennt. Das Smartphone, natürlich 24 Stunden angeschaltet und mit externem Akku ausgestattet, um immer erreichbar zu sein. Arbeit, Studium, Beziehung, Meetings, unzählige Mails, Twitter, Instagram, Facebook, Skype. Jede Minute online. Immer und überall anwesend, schließlich muss man ja „networken“.

Slow Down

„Slow Down“: Zauberformel oder Marketingstreich

Doch nahezu jeder hat schon mal darüber nachgedacht, wie er diesem Druck entkommen kann? Nur niemand weiß so wirklich wie. Okay, es gehört nun mal zum Leben dazu, Verpflichtungen zu haben und auch etwas zu leisten. Aber nirgendwo steht, wie viel man leisten muss. Letztendlich versucht doch jeder und jede das Bestmögliche zu tun, was eben seinen Fähigkeiten entspricht.   Wie nicht anders zu erwarten, hält die Buchhandlung und die Werbung unzählige, vermeintlich gute Ratschläge parat: „Slow Down“ heißt die Zauberformel und ist das neue „Light“. Doch für unsere Zeit typisch wird man von so vielen unterschiedlichen Ratschlägen erschlagen, dass man sich dann doch wieder lieber in seinen gewohnten Verhaltensmustern weiterdreht. Man findet ja nicht mal die Zeit, die Ratgeber zu lesen… Jeden Tag das Gleiche. Zeitgeist-Gurus wie der Langsamkeits-Papst Carlo Petrini, der Ende der 1980er Jahre die „Slow Food“ Bewegung ins Rollen brachte, plädiert für folgendes Lebenskonzept: „(…) Man muss seinen eigenen Lebensrhythmus finden, die Zeit darf einen nicht einengen.“ Ein gutes Zeitmanagement muss her ohne sich dabei zu sehr unter Druck zu setzen. Die Welt wird sich sowieso weiterdrehen. Zunächst hört sich Petrinis Slow- Formel sehr einleuchtend an, jedoch wie soll das funktionieren? „Man muss sich Raum schaffen“, rät der italienische Journalist.

Slow down, aber wie?

Ein Leben in Slow Motion anstatt im Zeitraffer würde dem Menschen, der sich zwischen Studium, Arbeit, Freizeitaktivitäten und sonstigen Verpflichtungen abhetzt, sicherlich gut tun. Man sollte einfach wieder damit anfangen, sich bewusst Zeit für Dinge zu nehmen, die man liebt: Freunde treffen, sofern es möglich ist, anstatt ihnen täglich mehrere Nachrichten bei WhatsApp zu schicken. Die Welt mit seinen eigenen Augen entdecken, anstatt ununterbrochen Facebook Timelines und Instagram Profile zu verfolgen. Und seinen Computer und sein Smartphone in der hintersten Ecke seines Zimmers verstecken und sich dadurch ein wenig Zeit zu schenken, um wieder bewusster nachdenken zu können. Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen ab einer gewissen Uhrzeit am Abend das Handy in meinem Nachtkästchen verschwinden zu lassen. Und ich versuche fast täglich – egal bei welchem Wetter – einen kurzen Spaziergang zu machen, um meinen Kopf frei zu bekommen. Es kann Wunder bewirken. Man muss sich nur die Zeit nehmen. Faultiere, habe ich mir sagen lassen, wägen ihr Tun langsam und in aller Ruhe ab. Das wäre sicherlich auch eine gute Idee für uns Menschen, oder? Denn Slow ist mehr als eine Marketingstrategie. Oder was meint ihr? Ist eine Entschleunigung in unserer schnellen Welt überhaupt noch möglich?

5 Kommentare

  1. Hallo Christine! Danke für deinen (wie immer) tollen Beitrag! Ich beschäftige mich ganz viel mit dem Thema „Entschleunigung“ und bin dafür sogar letztes Jahr ‚ausgestiegen‘. Habe irgendwann gemerkt, dass mein Leben mich krank macht und dann die Notbremse gezogen.
    Ich glaube, dass man sich jeden Tag bewusst entscheiden muss, entschleunigt zu leben. …Und man muss in Kauf nehmen, von den meisten als Verrückt abgestempelt zu werden :) Das Gefühl habe ich zumindest bei den meisten, aber ich finde ihr burnoutiges Leben auch nicht gerade unverrückt ;) Alles Liebe, deine Lilia

      1. Hallo Michael (entschuldige, nicht Christine)!
        Klar darfst du fragen: Teilzeit arbeiten (20 Stunden, 4 Tage), Zeit für Kreativität nehmen (ich habe einen Blog gegründet), jeden Tag mindestens 20 Minuten an der frischen Luft sein, 2x Sport die Woche. Und wie ich schon meinte: Sich jeden Tag bewusst sagen, stressfrei leben zu wollen bzw. sich bewusst dafür entscheiden. Denn andere werden dich häufig komische angucken.

        Wie sind deine konkreten Ideen?
        LG

  2. Entschleunigen. Darüber denke ich schon so lang nach und dann erwische ich mich selbst dabei, wie ich mich immer wieder unter Druck setze. Der Selbstständigkeit wegen.

    Das mit dem Handy kann ich ganz gut – ohne es immer zu wollen. Ich lass es nämlich gern einfach irgendwo liegen und hab es tags-über oft auf lautlos da es mich sonst bei der Arbeit stören würde. Da kann schnell mal ein Tag ohne Handy vergehen ;) Allerdings geht das ja nicht immer, wenn man selbstständig ist.

    Selbst heute dachte ich noch „Wie schade, dass so viele Leute eine extra App benötigen um 8 Stunden von Facebook, Twitter & Co wegzubleiben“ … eigentlich erschreckend oder?

    Meine Entschleunigung ist schon seit einem Jahr in meinem kopf verwurzelt.

    Von Deutschland nach Nepal gehen.

    Nicht das es ein Radikal-Konzept wäre um der Schnelllebigkeit zu entfliehen. Viel mehr ein Wunsch, der mir ohne jeglichen Hintergedanken kam. Immerhin muss ich von unterwegs auch arbeiten. Aber wenn ich darüber nachdenken ist es defintiv eine Entschleunigung meines Lebens! Und ich freue mich schon wahnsinnig darauf!

    PS. Aber warum hat man als Mann ein Nachtkästchen? ;))

  3. Hallo Christine,
    danke für den schönen Artikel. Ich bin handytechnisch noch ziemlich old school, ich habe noch ein altes Handy, also kein Smartphone und habe somit auch kein Whatsapp. Manche Leute schauen einen schon komisch an, wenn man das alte Handy herzeigt ;)

    Ich versuche auch jeden Tag 3 kleine Tätigkeiten entschleunigt auszuführen. Es ist gar nicht so einfach, aber es ist eine tolle Erfahrung und es tut mir richtig gut.

    Liebe Grüße,
    Markus

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