Lieber Paul, ich muss es dir schon am Anfang sagen …

… weil du mir sicher im Nachhinein, nachdem ich 1000 Zeichen geschwärmt habe von diesem wunderschönen Ort, an dem es mir so gut geht, nicht mehr glauben wirst. Ich vermisse dich. Ich wünschte du könntest jetzt hinter mir stehen und deine Arme um mich legen. Das würde zwar schmerzen, da ich einen fürchterlichen Sonnenbrand auf meinen Schultern habe und gleichzeitig würden meine Wangen ganz heiß werden, denn ich könnte deinen Herzschlag an meinem Rücken spüren. Dein Herz schlägt immer so regelmäßig und ruhig und meines könnte sich daran ein Beispiel nehmen.

Christine-Neder-Teneriffa

Ich stehe auf einem Balkon in Teneriffa, die Hände auf dem Geländer, so wie man es von Kate in dem Film Titanic kennt, bevor Leonardo von hinten kommt und ihre Hände ausbreitet. Ich kann dir aber versichern, lieber Paul, dass du mir tausendmal lieber wärest als ein Leonardo und dass dieser Balkon tausendmal schöner ist, als ein Schiff. Darauf würde mir nur wieder schlecht werden, so wie heute. Ich kann dir sagen, ich war noch nie so grün. Das war eine Mischung aus Blauschimmel und Gorgonzolagrün, welches sich sanft um mein Näschen legte. Wenn du mich gesehen hättest, du hättest mich nicht wiedererkannt. Nicht nur vom Optischen. Sonst bin ich die furchtlose. Kein Berg ist zu steil, keine Flunkyballrunde zu viel, kein Pferd zu wild, aber Bootfahren, das kann ich nicht. Ich war so froh, als wir in der Bucht ankamen und das Boot zum Stillstand kam. Ich bin sofort ins Wasser gesprungen. Da war meine Seekrankheit verschwunden. Aber mein Herz, das schlug doppelt so schnell und stolperte ein paarmal. Ich sollte tauchen, mit einer Sauerstoffmaske und im Neoprenanzug. Aber ich habe doch so Angst vor tiefen Wasser und der Ungewissheit, was sich unter den Meeresspiegel befindet. Schon allein, dass ich in das Wasser gesprungen bin, ohne das ich stehen konnte, war sehr mutig von mir. Du kennst mich gut und du weißt, dass ich immer an meine Grenzen gehe und meine Ängste beherrschen möchte, weil sie laut eines wohl recht dummen Sprichwortes sonst mich beherrschen. Doch heute konnte ich nicht. Ich war zu schwach und mein Kopf zu seekrank. Oder vielleicht habe ich gemerkt, dass nicht jede Angst uns automatisch beherrscht. Manchmal kostet mich eine Überwindung mit all den Bauchkrämpfen und Beinahnervenzusammenbrüchen viel mehr Kraft, als es dann schöne Gefühle hat. Also hab ich nein zum Tauchen gesagt. Es ist mir schwer gefallen, dass zu sagen, aber gleichzeitig hat es so gut getan meine Grenzen zu kennen. Jetzt stehe ich hier, an einem lauen Sommerabend, der salzige Wind des Atlantik weht durch meine Haare und ich fühle mich wie die Königin der Meere. Außerdem bekomme ich all die komischen, kitschigen Gedanken von Titanic in den Kopf. Das sind bestimmt die Nachwirkungen von der Seekrankheit. Es könnte aber auch an Jeff Buckley liegen, der in der Luft liegt.

Ich war zwar heute nicht tauchen, aber ich habe mir eine Taucherbrille aufgesetzt, einen Schnorchel in den Mund gesteckt und nach unten geschaut, in die Welt, die mir immer so viel Angst machte und ich nur aus dem Film kenne. Ich hab der Angst gewissermaßen ins Auge geschaut. Ich muss sagen, es war wunderschön. Ich habe die anderen Taucher am Grund gesehen und die tausend Luftblasen, die wie Seifenblasen aufgestiegen sind und am schönsten war es, wenn ich direkt über ihnen war und sie meinen Bauch gestreichelt haben. Das war so ein schönes, leichtes prickeln. So ein Gefühl, das ich sonst nur habe, wenn du hinter mit stehst und deine Arme um mich legst.

Die Grenze ist immer noch da, aber die Angst, die ist weg, weil ich einfach einen Blick gewagt habe. Ich frage mich, ob es mit dem Tauchen, nicht wie mit dem Leben ist? Es gibt viele Sachen vor denen wir Angst haben oder die wir einfach nicht verstehen oder vielleicht sogar ablehnen. Doch trotzdem ist es gut einen Blick in diese Welten zu werfen, um sie einfach besser verstehen zu können. Verstehen und akzeptieren heißt nicht automatisch mitmachen.
Ich bleibe noch  eine Weile auf dem Balkon des Sheraton La Caleta und höre dem Pianospieler aus der Bar zu.

I did my best, it wasn’t much
I couldn’t feel, so I tried to touch
Hallelujah …

 

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Vielen Dank an Tourismus Tenerife, Condor für diese Erfahrung und flyover für den Blick nach unten. Gar nicht nett war jedoch, als ihr mit eurer Sauerstoffmaske von untern hoch gekommen seid und meinen Fuß gepackt habt! Weitere Infos zu der magischen Insel Teneriffa gibt es bei meinen Bloggerkollegen SarahAnjaDorisAnja und Christina.

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17 Antworten auf Lieber Paul, ich muss es dir schon am Anfang sagen …

  1. Pingback: Puertito de Adeje auf Teneriffa - die ideale Bucht für Tauchanfänger

  2. Manuela sagt:

    Schön geschrieben.

  3. Auch wenn es mit dem Tauchen nicht geklappt hat, es war auch schön eine Runde mit dir zu Schnorcheln. Die Blubberbläschen sind wirklich sehr schön von oben anzusehen.

    Liebe Grüße
    Christina

  4. Nicola sagt:

    ….lädt gerade jeff buckley auf ihr iphone ;-)

  5. Pierre sagt:

    Es ist ein Genuss deine Zeilen zu lesen. Fühle mich gleich immer so als ob ich auch da wäre.

    Bei diesem Lied wird wohl jeder sentimental und hat Pipi in den Augen.

  6. Kim sagt:

    Tolles Fotos Christine!!

  7. Jasmin sagt:

    Verstehe mich nicht falsch, aber ich bin so froh, dass es auch Dinge gibt vor denen du Angst hast. Du wirkst immer so furchtlos und mutig. Sprichst einfach so fremde Menschen an, reist durch die ganze Welt – aber das offene Meer ist eben doch eine ganz andere Welt. Ich kenne das Gefühl so gut. Ich liebe das Meer und seine Bewohner und doch habe ich große Angst einfach so von einem Boot aus hinein zu springen. Mein Herz klopft mir immer bis zum Hals und ich trau mich gar nicht nach unten zu blicken, weil ich Angst habe vor der Tiefe und der Dunkelheit. Ich hatte mal die Chance auf Korfu mit Delphinen zu schwimmen / zu schnorcheln, aber ich hatte einfach zu viel Angst. In meinem nächsten Urlaub in ein paar Wochen in Portugal möchte ich unbedingt meine Ängste überwinden und zumindest mal mit einer Taucherbrille unter Wasser schauen. Vielleicht fange ich am besten in Strandnähe an ;) Wunderschöner Text und tolle Bilder, vor allem das Schnorchelbild finde ich super. Ich bewundere deinen Mut Nein zu sagen, aber auch trotz Herzklopfen zu schnorcheln. Viele Grüße, Jasmin ♥

    • Christine sagt:

      Also wenn das WOW-Gefühl danach dich umhauen würde, dann tue es. Ich überlege auch gerade hier in der Türkei von einer Klippe zu springen. ;)

  8. Sarah sagt:

    salzig süss und gut schmeckt die Luft wenn Jeff drin liegt!

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