Mein Haus stand einmal in einem anderen Land. Nur wenige Meter von meiner Haustür entfernt, trennte für 28 lange Jahre eine hohe Mauer den Osten vom Westen der Stadt Berlin, die Bundesrepublik Deutschland von der Deutschen Demokratischen Republik und somit auch Familien, Freunde und Paare voneinander. Doch nicht nur Berlin, ganz Europa wurde nach dem Ersten Weltkrieg unter den Siegermächten aufgeteilt: Sowjetisch dominierte sozialistische Staaten auf der einen Seite und westlich demokratische Staaten auf der anderen. Stacheldraht, Stolperfallen, Schranken, Wachtürme und schussbereite Soldaten sicherten die dazugehörige Grenze, den Eisernen Vorhang, der bis zu seiner Öffnung im Jahr 1989 Tausende von Todesopfern forderte.

Heute – 30 Jahre später – führt an seiner Stelle ein Radweg von Finnland bis ans Schwarze Meer, der die Geschichte Europas im wahrsten Sinne des Wortes „erfahrbar“ macht. Auf einer der schönsten Etappen dieses Iron Curtain Trails war ich unterwegs und habe euch sieben Tipps für das niederösterreichische Weinviertel und Südmähren mitgebracht!

Unterwegs auf dem Iron Curtain Trail

Iron Curtain Trail Tipps: Das Weinstädtchen Retz

Unsere Tour startet im schönen Retz, einem 4.000-Seelen-Ort, der etwa eine Stunde nördlich von Wien idyllisch zwischen grünen Weinbergen liegt. Strahlende Sonne, schmucke Renaissancebauten, einladende Cafés – fast fühle ich mich ein bisschen wie bei einem Besuch in Italien. Vor allem der große Marktplatz mit seinen türkisfarbenen Brunnen verstrahlt südliches Flair und lädt zum Verweilen ein.

Wer ein bisschen Ausdauer mitbringt, erklimmt wie wir die 57 Meter des sonnengelben Rathausturms und wird mit einem tollen Ausblick auf die kleine Stadt und das grüne Umland belohnt. Aber nicht nur über, auch unter dem Marktplatz gibt es in Retz einiges zu bestaunen. Hier befindet sich nämlich ein unterirdisches Labyrinth – der mit bis zu 20 Metern Tiefe größte Weinkeller Österreichs, der sogenannte Retzer Erlebniskeller. Uns bleibt leider keine Zeit für eine Besichtigung, aber das Wahrzeichen der Stadt, die Retzer Mühle müssen wir auf jeden Fall noch sehen, bevor unsere Radtour beginnt!

Retz Windmuehle am Weinberg

Hoch oben auf einem Hügel, wo der Wind gut durch die hölzernen Flügel pusten kann, thront die alte, denkmalgeschützte Mühle über der Stadt. Seit mehr als 200 Jahren wird hier Getreide mit purer Windkraft gemahlen und somit ist die Mühle eine der beiden letzten betriebsfähigen Windmühlen Österreichs. Um sie herum wachsen so weit das Auge reicht saftige Weinreben, weswegen die Region auch Weinviertel genannt wird. Und genau dieses Weinviertel wollen wir nun mit dem Rad erkunden!

Der Iron Curtain Trail

Die E-Bikes sind geladen, die Kameraakkus auch, es kann losgehen! Vor uns liegen etwa 60 Kilometer Fahrt, vorbei an sanft hügeligen Weinbergen, Wiesen und kühlen Wäldern bis hin zu unserem Ziel, der kleinen Stadt Laa an der Thaya. Es ist ein vergleichsweise kurzer Abschnitt des riesigen EuroVelo 13 – wie der Iron Curtain Trail auch genannt wird –, der sich auf insgesamt mehr als 10.000 Kilometern vom Norden in den Süden Europas erstreckt und durch 20 verschiedene Länder führt. Für zwei Tage bei entspannter Fahrweise und zig eingeplanten Fotostopps scheint die Etappe von Retz nach Laa für uns aber genau richtig!

Noch dazu sind wir mit E-Bikes unterwegs, der Turbo-Modus wird uns noch an so manchem Berg tatkräftig unterstützen und dafür sorgen, dass wir zügig vorankommen. Mit viel Sonne im Gesicht und ordentlich Power unterm Hintern, lässt es sich dann ganz entspannt Radeln. So habe ich mehr Zeit die Umgebung zu betrachten und da gibt es einiges zu sehen!

E-Bikes auf dem Iron Curtain Trail

Die Route des Iron Curtain Trail samt Höhenprofil:

 

Im Gegensatz zu den vergleichsweise wenigen Metern an der Berliner Mauer war der Grenzstreifen an anderen Orten des Eisernen Vorhangs bis zu fünf Kilometern breit. Fünf Kilometer, die jahrzehntelang der Natur selbst überlassen waren und in denen sich Pflanzen- und Tierwelt frei entwickeln und entfalten konnte. Die weitestgehende Abwesenheit der Menschen hat im Grenzgebiet ein einzigartiges Naturparadies geschaffen, das heute als „Grünes Band“ bekannt ist.

So fliege ich mit meinem Rad vorbei an saftigen Wiesen, wild wuchernden Kräutern und blühenden Holunderbäumen. Der Weg ist super einfach zu finden, denn der Iron Curtain Trail ist bestens ausgeschildert, durch das von weitem gut sichtbare europäische Symbol (die gelben Sterne auf blauem Grund) und die Nummer 13 (steht für EuroVelo 13). Die Wege selbst sind meist dank ihrer Schotter- oder Asphaltoberflächen angenehm zu befahren und nur vereinzelte Abschnitte muss man sich mit einigen wenigen Autos teilen. So lässt sich die Fahrt voll und ganz genießen und einer tollen Radtour steht nichts mehr im Wege!

Iron Curtain Trail Tipps: Weingenuss, Weinkultur, Weinkeller

Rechts Weinberge, links grüne Felder, am weiten Himmel strahlt die Sonne. Wir fahren durchs schöne Pulkautal, das seinem Namen dem Flüsschen Pulkau verdankt. Immer wieder passieren wir auch beschauliche Dörfer, deren Straßen von kleinen weißen Häuschen gesäumt werden. Schlichter Putz, nur ein Stockwerk, kein Rauchabzug? Das können doch keine Wohnhäuser sein! Tatsächlich handelt es sich bei den aneinandergereihten Gebäuden um Weinkeller oder Presshäuser, in denen früher Wein produziert und gelagert wurde. Hinter den grünen Holztürchen versteckt sich meist ein kühler Kellerschlauch, der in mühsamer Handarbeit in den Lehm gegraben wurde und durch seine konstanten 12 Grad Celsius für die Lagerung des Weines optimal geeignet war. Rund 800 der sogenannten Kellergassen, also Straßen mit diesen kleinen Häuschen, ziehen sich durchs österreichische Weinviertel.

Knapp 20 Kilometer von unserem Startpunkt Retz entfernt, erreichen wir schließlich die Ortschaft Hadres, wo sich die längste geschlossene Kellergasse Europas befindet. Auf 1,6 Kilometern stehen dort insgesamt 400 dieser Häuschen nebeneinander, mal geschmückt mit Efeu, mal mit kunstvoll verzierten Türen oder bunten Schildern. Hier und da sitzen Menschen zusammen, denn für die Weinviertler sind die Keller Orte der Geselligkeit und Weinseligkeit, viel mehr also als nur eine Ansammlung von Gebäuden – ein Stück der regionalen Kultur. Die ein oder andere Kellertür steht auch durstigen Radfahrern zum schnellen Auftanken offen. „Lass dich nieder, schenk dir ein!“ steht da auf einem Schild am Wegesrand. An den sogenannten Radler-Rasten kann man sich an den gekühlten Weinen und Traubensäften frei bedienen, natürlich nicht ohne dafür im Gegenzug etwas Geld dazulassen.

 

Iron Curtain Trail Tipps: Pause mit Jause

Gegen Hunger und Durst warten entlang des Weges aber auch immer wieder Weingüter oder sogenannten „Heurigen“ auf Besucher. Hier werden die besten regionalen Weine ausgeschenkt und mit einer Kaltspeise nach altem Rezept, wie zum Beispiel der „Bretterljause“ genossen. „Jause“ ist im Prinzip nichts anderes als eine Brotzeit, eine kleine Zwischenmahlzeit, die auf einem rustikalen Holzbrettchen – dem „Bretterl“ – serviert wird.

Bretterljause

Egal ob verschiedene Fleisch- und Wurstsorten mit Beilagen wie Essiggurken und Kren (Meerrettichstückchen) oder die vegetarische Alternative mit unterschiedlichen Käsesorten: deftig bleibt es in jedem Fall! Ergänzt wird das Ganze normalerweise dann noch mit einem hochprozentigen Glas „Schnapserl“. Nur ob man danach wieder aufs Rad steigen sollte, ist fraglich… Vor allem, weil ja auch unbedingt noch der regionale Wein probiert werden muss!

Die Hälfte der weinviertler Rebfläche ist mit „Grünem Veltliner“ bepflanzt, der sich durch seine pikant-pfeffrige Note auszeichnet und auch nur dank dieser regionaltypischen Charakteristik die Auszeichnung DAC erhält – Districtus Austriae Controllatus – aus kontrollierter österreichischer Herkunft.

DAC Gruener Veltliner

Ich lasse den Schnaps heute mal stehen und schwinge mich ganz gemächlich wieder aufs Rad, denn wie ich gelernt habe lautet das Motto hier: Genussvolle Gelassenheit! Dagegen gibt es nun wirklich nichts einzuwenden und unsere Tour geht ganz entspannt weiter auf ruhigen Wegen, vorbei an weißen Kellern und sonnenverwöhnten Weingärten.

Iron Curtain Trail Tipps: Die tschechische Gemeinde Jaroslavice

Der Iron Curtain Trail führt uns weiter über die kleine Ortschaft Seefeld-Kadolz bis hin zur tschechischen Grenze. Ganz ohne Passkontrolle oder gar strenge Wachsoldaten sind wir auf einmal in einem anderen Land. Nichts erinnert mehr daran, dass Menschen hier vor ein paar Jahrzehnten noch mit allen Mitteln am Übertritt gehindert wurden, dass das Grenzgebiet als ein gefährlicher Ort galt, der von den Menschen im Westen wie im Osten tunlichst gemieden wurde. Heute radeln wir fröhlich hin und her zwischen den Ländern, für ältere Generationen aus diesem Gebiet vermutlich ein unvorstellbarer Gedanke. Nur ein eher unauffälliges Hinweisschild mit der Aufschrift „Achtung Staatsgrenze“ weist darauf hin, dass wir uns gleich in Tschechien befinden.

Wenige Kilometer weiter führt der Radweg durch die Gemeinde Jaroslavice, die auf eine 900-jährige Geschichte zurückblicken kann. Über dem Dorf thront ein ziemlich renovierungsbedürftiges Renaissanceschloss, das mit seinen hohen Arkadengängen und herzallerliebsten Putten dennoch einen kurzen Stopp wert ist. Wir nehmen den schmalen Schotterweg, der auf der Rückseite des Herrschaftssitzes durch den verwaisten Schlosspark und schließlich zum Eingang führt. So von Nahem sieht die Fassade dann doch ziemlich in die Jahre gekommen aus, der Putz bröckelt, die Ziegel sind löchrig und die große Holztür zum Innenhof bleibt uns leider auch versperrt. Zum Glück haben wir unsere Kameradrohne dabei, die wir ganz frech über dem Schloss fliegen lassen und so doch noch die ganzen Ausmaße des weitläufigen Anwesens sehen können.

Iron Curtain Trail Tipps: Die Wassermühle in Slup

Bis jetzt sind wir ganz brav der grün-weißen Beschilderung des Iron Curtain Trails gefolgt, nun aber entscheiden wir uns zu einem kleinen Abstecher in die ganz andere Richtung. Vier Kilometer nordwestlich von Jaroslavice soll nämlich schon seit dem 16. Jahrhundert die größte historische Wassermühle Südmährens stehen und in der Hoffnung auf plätscherndes eiskaltes Wasser nehmen wir den kleinen Umweg in Kauf. Hätte ich gewusst, dass wir mit unseren Rädern dabei einige Höhenmeter überwinden müssen, hätte ich mir das vielleicht noch einmal genauer überlegt! Aber so wird am E-Bike einfach der Turbo eingeschaltet und selbst der steile Anstieg ganz gut gemeistert.

Die Wassermühle in Slup ist dann auch wirklich ein beeindruckendes Gebäude. Die weiße Front im Renaissancestil gefällt mir fast noch besser als das Jaroslavicer Schloss, nur die Ansicht von hinten enttäuscht ein bisschen. Denn wo ich eifrig drehende Wasserräder im Mühlenkanal erwartet habe, steht heute leider alles still. Die vier hölzernen Mühlräder sind aber auch so, wie sie einfach nur ruhig im Wasser liegen, ganz schön anzuschauen.

Iron Curtain Trail Tipps: Die Burg Laa in Laa an der Thaya

Entlang der Jaroslavice-Seen, eine der größten Wasserflächen in Mähren, geht es dann über eine ehemalige Militärstraße in das Städtchen Laa an der Thaya, dem Endpunkt unserer kleinen Fahrradreise. Die Stadt mit dem schönen Namen begrüßt uns mit historischem Kern und einem wirklich eindrucksvollem Rathausgebäude. Bekannt ist die Stadt außerdem für seine Therme, das jährlich stattfindende Zwiebelfest und die Burg Laa, die wir uns auch ansehen wollen.

Das Tor zur Burg steht uns dann offen, freundlich hell und unübersehbar neu renoviert erstrahlt der Innenhof des Laaer Wahrzeichens und noch dazu haben wir das ganze Gelände für uns, weit und breit ist niemand zu sehen. Dass wir für die Besteigung des massiven Butterfassturmes pro Person zwei Euro in einen Automaten werfen müssen, tut unserem Burgherren-Gefühl auch keinen Abbruch. 155 enge und anstrengende Stufen später genießen wir einen tollen Rundblick auf die Stadt Laa bis hin zum Pulkautal, wo wir vor einem Tag mit unseren Rädern gestartet sind.

Mit ein paar mehr Sommersprossen im Gesicht und etwas wackelig auf den Beinen sind wir zwar schlussendlich an unserem Ziel angekommen, aber wie heißt es so treffend: Der Weg ist das Ziel. Auf diesem ganz besonderen Weg konnten wir viel über die europäische Geschichte und die Auswirkungen des Eisernen Vorhangs erfahren. Anstelle von Stacheldraht verbindet heute der Iron Curtain Trail, was einst getrennt war und somit die Vergangenheit mit der Zukunft. Alle Informationen rund um den Iron Curtain Trail zwischen Niederösterreich und Süd-Tschechien findet ihr auf unter www.ev13.eu.

Dank dieser faszinierenden Radtour weiß ich den europäischen Gedanken wieder viel mehr zu schätzen und wenn ich heute in Berlin ganz unbeschwert aus dem Osten in den Westen der Stadt wechsle, fühle ich mich als Teil eines großen Happy Ends.

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Sonnenuntergang auf dem Iron Curtain Trail

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Dieses Vorhaben wird aus den Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

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